Ausstellungen

Jean Fautrier

19. Mai - 17. Juni 1973

Portrait Jean Fautrier
Jean Fautrier, Buvard, 1960-62

"Fautrier war in erster Linie ein außergewöhnlich guter Maler, dieser Aspekt hoher künstlerischer Qualität bleibt der entscheidende. C’est avec les beaux sentiments que l’on fait la mauvise littérature, heißt es in Gides Dostojewskistudien aus dem Jahre 1926, mit schönen Gefühlen macht man schlechte Kunst. Gesellschaftliche "Verbindlichkeit" allein reicht nicht, Kunst gut werden zu lassen; es sei denn, man hebt den als "bürgerlich" diffamierten Kunstbegriff auf und sieht sich nach einem neuen um. Die Kunstreligion Fautriers ist indessen nicht nur die der Freiheit, sondern vor allem die der Menschlichkeit, bei aller Unversöhnlichkeit gegenüber ihren Henkern. Seine Bilder haben die Tendenz keine mehr zu sein, vor allem wegen ihrer Materialhaftigkeit." Hans Gerd Tuchel (Interimsdirektor des Kunstvereins) im Einführungstext zur Ausstellung.

1973 zeigte der Hamburger Kunstverein das Werk Jean Fautriers (1898-1964) zum ersten Mal als große Retrospektive in Deutschland. Bis zu diesem Zeitpunkt war der populärste Vertreter des französischen Informel in Deutschland noch beinahe unbekannt. Abstrakte Kunst setzte sich im Nachkriegsdeutschland langsamer durch als in den Vereinigten Staaten oder anderen europäischen Ländern. Während die Pop Art zur gleichen Zeit eine breite Rezeption erfuhr, blieb die ungegenständliche Malerei in den 1950er und 1960er Jahren hierzulande weitestgehend unbeachtet. Dies kann mit der eindeutigen Bezugnahme fast aller abstrakten Maler auf eine Neufindung von Kunst und Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg erklärt werden.

"Die Malerei kann nicht anders: sie muss sich selbst zerstören, um sich neu erfinden zu können.", schrieb Fautrier in seiner Stellungnahme zur eigenen Arbeit. Hier wird eine klare Abgrenzung aller vorangegangenen Kunst formuliert, eine Abkehr von der europäischen Tradition, der nicht mehr zu trauen war, da sie zum Krieg führte. Die abstrakten Maler stellten eine ständige Erinnerung an eine Kriegsschuld dar, die nicht in die deutsche Wirtschaftswunder-Ära passte.

"Die Kunst von Jean Fautrier neu zu entdecken, kann das Ende des Pop bedeuten." Diese These, die das Hamburger Abendblatt am 22. Mai 1973 aufstellte, zeigt die Ungewöhnlichkeit und Wichtigkeit der Ausstellung zu diesem Zeitpunkt.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. (vergriffen)