Ausstellungen

Ellipse in Time

Ursula Mayer

19. September - 22. November 2009

Ursula Mayer, Interiors, 2006

Ursula Mayers (*1970, lebt in London) Filme setzen sich immer wieder mit Architektur und ihren sozialen Funktionen auseinander. Räume treten bei Mayer nicht nur als Filmsettings oder –locations auf, sondern übernehmen die Rolle eines fiktiven Charakters innerhalb der narrativen Erzählung. Sie treten scheinbar gleichberechtigt neben die agierenden Personen. In der Regel handelt es sich dabei um Schauspielerinnen, die bekannte Frauenfiguren – in detailgetreuen Posen und Kleidern nach Fotografien oder Filmdokumenten – verkörpern. Losgelöst von der jeweiligen Zeitepoche und dem historischen Kontext, treten sie miteinander in Dialog. Dabei bleibt ihr Verhältnis zueinander indifferent und lässt unterschiedliche Interpretationen zu.

So verhält es sich auch in der Arbeit Interiors (2006). Ort der Handlung ist das vom Architekten Ernö Goldfinger entworfene Wohnhaus 2 Willow Road in Hampstead, London, in dem er mit seiner Frau Ursula Blackwell und seiner Familie bis zu seinem Tod 1975 lebte. Das modernistische Gebäude beherbergt neben selbst entworfenen Möbelstücken und dem Atelier seiner Frau auch die umfangreiche Kunstsammlung mit Werken der klassischen Moderne von Max Ernst bis Marcel Duchamp. Ende der 1930er Jahre war der Ort ein beliebter Treffpunkt für die künstlerische Avantgarde. Vor dieser Kulisse bewegen sich zwei Frauen unterschiedlichen Alters, deren Handlungen identisch aufeinander folgen, ohne dass sie sich direkt begegnen. Sie durchschreiten – scheinbar in Gedanken versunken und fasziniert von der sie umgebenden Kunst – die markanten Räume des Hauses. Obwohl die Gebrauchspuren des Hauses erkennbar sind, wirken die zwei Frauen wie Statisten oder stille Betrachter einer für sie befremdlichen Umgebung. Die Wendeltreppe, die die unterschiedlichen Ebenen des Hauses miteinander verbindet, fungiert als Scharnier zwischen dem realen Ausstellungsraum und dem Schauplatz der fiktiven Geschichte des Filmes. Die wandgroße Projektion eröffnet einen weiteren Handlungsraum, der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischt. Verstärkt wird das Spiel mit Zeit und Wirklichkeit durch den abwechselnden Gebrauch von Schwarzweiß- und Farbaufnahmen. Eine zentrale Rolle spielt eine Skulptur von Barbara Hepworth, die gleichzeitig als verbindendes und trennendes Element zwischen den weiblichen Charakteren auftritt.

Der Stummfilm Memories of Mirrors / Theatrical personalities after Mary Wigman and Madame d’Ora (2007/08) inszeniert Re-Enactments bekannter Fotografien, die Madame d’Ora von der Dance Company Mary Wigmans in den 1920er Jahren aufgenommen hat. Ihre Aufnahmen beschreiben bildlich die Philosophie der Tänzerin und Choreografin Mary Wigman, die einen eigenen Stil des Ausdrucktanzes entwickelte, den sie aus der Unterordnung der Musik löste und der sich durch den Einsatz von dramatischen und expressiven Gesten auszeichnete. Die Fotografin Madame d’Ora (mit bürgerlichem Namen Dora Kallmus) hat sich schon früh mit dem Thema Tanz beschäftigt und neue Bildlösungen für die szenischen Arrangements und reduzierten Posen gefunden. Im Mittelpunkt des Filmes von Ursula Mayer steht eine Frau in einem Pailletten besetzten Kleid, welches durch die Bewegung und das Spiel mit Licht und Schatten zu einem funkelnden Gewand wird. Die anfängliche Selbstbetrachtung in einem Spiegel verschiebt sich im Laufe der Choreografie hin zu dem Publikum, das selbst Teil des tableau vivant wird, wenn der Spiegel wie eine Blende einfallendes Licht reflektiert und den Raum zwischen den Tänzerinnen, der Kamera, dem Projektor und den BetrachterInnen kurzschließt.