Ausstellungen

Intermedians

April - Oktober 2012

Stefan Strumbel, Heimat, Foto: Martin Grothmaak
Stefan Strumbel, Heimat, Foto: Martin GrothmaakStefan Strumbel, Heimat, Foto: Martin GrothmaakStefan Strumbel, Holy Heimat, 2012, Foto: Martin GrothmaakArthur Morass, Ohne Titel, 1959, Foto: Vanessa MaasArthur Morass, Ohne Titel, 1982, Foto: Vanessa MaasArthur Morass Keramik, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein Hamburg, 2012Arthur Morass Keramik, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein Hamburg, 2012Arthur Morass Keramik, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein Hamburg, 2012Arthur Morass Keramik, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein Hamburg, 2012Arthur Morass Keramik, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein Hamburg, 2012Gabi Dziuba, Scheisse, 1996 (mit Karl Fritsch), Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott / KunstvereinGabi Dziuba trifft auf Jonathan Johnson, Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott, KunstvereinGabi Dziuba, Buschstabenringe 2001 und 2004, Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott / KunstvereinGabi Dziuba trifft auf Jonathan Johnson, Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott, KunstvereinJonathan Johnson, Nonne, Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott, KunstvereinGabi Dziuba trifft auf Jonathan Johnson, Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott, KunstvereinJonathan Johnson, Love, Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott, KunstvereinJonathan Johnson, Obscenity, Installationsansicht Kunstverein Hamburg 2012, Foto: Fred Dott, KunstvereinKatharina Koppenwallner präsentiert: International Wardrobe, Installationsansicht in der Ausstellung „Gert & Uwe Tobias“, Kunstverein Hamburg 2012, Foto/photo: Fred Dott / Kunstverein Hamburg Katharina Koppenwallner präsentiert: International Wardrobe, Installationsansicht in der Ausstellung „Gert & Uwe Tobias“, Kunstverein Hamburg 2012, Foto/photo: Fred Dott / Kunstverein Hamburg Hmong-Bluse, Provinz Guizhou (China) / Hmong-blouse, province Guizhou (China), Foto / photo: Henning Bock, 2012

Der Kunstverein Hamburg zeigt ab April 2012 im monatlichen Rhythmus verschiedene künstlerische Positionen, deren ästhetische Praxis komplementär zum Jahresprogramm zu lesen ist. Bei diesen Präsentationen mit relativ kurzer Laufzeit handelt es sich um Interventionen, die das aktuelle Ausstellungsprogramm formal oder inhaltlich ergänzen. Das Konzept des Jahresprogramms wird durch die Ergänzungen mit medial unterschiedlichen Objekten und Präsentationsformen erweitert und entwickelt ein zusätzliches Kommunikationspotenzial. Die "Intermedians" zu den Themen Mode, Schmuck, Keramik und Heimat stellen Positionen vor, die neben einer rein handwerklichen Ebene auch eine inhaltliche Nähe zu den wechselnden Ausstellungen aufweisen.

Der Kunstverein hat bereits in der Vergangenheit unterschiedliche Medien und Ansätze miteinander kombiniert, wodurch das jeweilige Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und gleichzeitig die Komplexität kultureller Produktion abgebildet und verdeutlich wird.

Die Gegenüberstellung von Kunstwerken, Artefakten und Alltagsgegenständen im Kontext ihrer kulturellen Geschichte erzeugt produktive Zusammenhänge. Denn durch die unterschiedlichen Sichtweisen (informativ, interpretativ, pädagogisch und kreativ) erhalten die BesucherInnen die Gelegenheit, das Aufnahmeniveau wechselnd zu verschieben und neue Verbindungen und Assoziationen zu erkennen.

Vorschau:
Intermedian 04
Stefan Strumbel – Heimat
27. September - 24. Oktober 2012
Eröffnung: Mittwoch, 26. September 2012, 19 Uhr

Die Auseinandersetzung mit folkloristischen Themenkomplexen gehört zu den Leitthemen in Stefan Strumbels (*1979, lebt in Offenburg) Werk. Dabei kreisen seine Arbeiten oft um den Begriff Heimat, der als eine Metapher für das Vertraute und Identitätsstiftende fungiert, in einer zunehmend globalisierten Welt aber gleichzeitig auch antiquiert anmutet. In Grafiken, Collagen, Installationen und Objekten spürt Strumbel dem Heimat-Begriff nach und transferiert folkloristische Klischees mit Motiven und Mitteln aus Pop Art und Grafitti.

"What the fuck is Heimat?" Diese provokante Frage taucht häufig auf und impliziert den modernen Ansatz der Auseinandersetzung mit dem traditionellen Paradigma. Bekannt geworden ist Strumbel mit seinen Kuckucksuhren, die durch aggressive Verfremdung traditioneller Attribute und äußerst grelle Farbigkeit den Nimbus als Heiligtum seiner badischen Heimat verloren zu haben scheinen. Dabei geht es aber nicht um die Inszenierung neuer Kontexte für ein Souvenir. Strumbel verfolgt vielmehr das Ziel durch Provokation plakative Anstöße zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vorstellung von Heimat zu geben. Seine Arbeiten will er als Transportmittel verstanden wissen; sowohl in räumlicher, sozialer als auch kulturell-geistiger Hinsicht.

Das Konstrukt Heimat wird so zur Metapher existenzieller Fragen von Identität: Wie ist meine Selbstwahrnehmung? Was reflektiert mich nach außen? Wie und worüber definiere ich mich selbst? Durch die Präsentation einer übergroßen Kuckucksuhr als Graffiti an der Rückwand des Kunstvereinsgebäudes tritt die Installation in besonderer Weise mit der Bahntrasse, dem Parkplatz und einer der Hauptverkehrsstraßen Hamburgs, also einem eher funktionalen und wenig repräsentativen aber hoch frequentierten Bereich des öffentlichen Raums, in Kontakt. Damit trägt sie den künstlerischen Wurzeln Strumbels im Graffiti Rechnung, das sich allenthalben schon fast traditionell an analogen Orten finden lässt. Zugleich wird die Schwarzwälder Kuckucksuhr im Kontext der in Hamburg hanseatisch und damit grundlegend anders geprägten Traditionen und ihrer Symbole zum folkloristischen Fremdkörper. Indem Unterschiede regionaler Heimatkonstrukte hier so offenkundig zu Tage treten, eröffnet sich für die Betrachtung des fremden Symbols ein Raum der Abgrenzung, in dem die Übertragung auf die eigene Identität auf reflexive Weise möglich wird.

Zum Abschluss der "Intermedians-Reihe" im Kunstverein Hamburg zeigt Stefan Strumbel neben der Außenarbeit an der Fassade des Kunstvereins auch Skulpturen, Zeichnungen und weitere Neon-Arbeiten im Restaurant pane e tulipani.

Bitte beachten Sie die speziellen Öffnungszeiten der Ausstellung:
Im Kunstverein Hamburg:
Dienstag – Sonntag und an Feiertagen 12 – 18 Uhr
Montag geschlossen

Im Restaurant „pane e tulipani“:
Montag – Freitag 12 – 24 Uhr
Samstag 17 – 24 Uhr
Sonntag geschlossen


Rückblick:
Intermedian 01
Katharina Koppenwallner präsentiert: International Wardrobe
12. - 25. April 2012

Katharina Koppenwallner (*1966, lebt in Berlin) betreibt mit "International Wardrobe" ein Modeprojekt der besonderen Art. Sie bereist Länder und Regionen abseits der großen Städte im Hinblick auf ihre Volkskunst. Im Vordergrund ihres Interesses und ihrer Recherchen stehen dabei Trachten und andere Textilien wie z.B. Kissenbezüge, die traditionell in Handarbeit entstehen. Dabei geht es ihr um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit spezifischen Kleidungsstilen, Mustern und Techniken, die über eine romantisch-touristische Aneignung hinausgeht.

Sie erwirbt vor Ort einzelne Kleidungsstücke, zum Teil Jahrzehnte alt, die aus der tatsächlichen Lebenswelt stammen und somit wirklich jemandem gehörten, für eine ganz bestimmte Person gefertigt und von ihr getragen wurden und diese Spuren auch aufweisen. Mitunter wird das eine oder andere leicht modifiziert, bleibt aber im Prinzip als Original erhalten und kann dann auf ihrer Webseite erworben werden. Die Beschreibung des einzelnen Stückes liefert seinen Kontext mit und erklärt seine kulturgeschichtliche Bedeutung im Herkunftsland, so dass man nicht einfach eine Jacke oder einen Schal erwirbt, sondern ein Stück Identitätsgeschichte.

In einer Wegwerfgesellschaft der Massenproduktion mit uniformen Kleidungsmustern stellen diese persönlichen Handarbeiten mit ihren teils mythisch begründeten Symbolen und Ornamenten eine grundlegend andere Bedeutung von Bekleidung dar. Ihr Distinktionspotential in Abgrenzung von anderen Volksgruppen, ihre historischen Entwicklungen und Einflüsse nicht zuletzt im Zuge von Völkerwanderungen, Vertreibungen oder den verschiedenen, mehr oder weniger willkürlichen nationalen Zugehörigkeiten macht Koppenwallner in längeren, wissenschaftlichen Abhandlungen verständlich – so bisher zur Kulturgeschichte Rumäniens und Indochinas geschehen – und lässt damit zum Vorschein kommen, was einmal Bedeutungsträger war. Und dies auch mit einem besonderen Augenmerk auf handwerkliche Techniken, Symbole und Ordnungen, die heute weitgehend in den Hintergrund getreten sind.

"International Wardrobe" wird damit beinahe eine Insel der Aufmerksamkeit in einer Zeit der Gleichmacherei, in der alles verfügbar scheint – aber Manches eben nicht, weil seine ursprüngliche Bedeutung verschüttet wurde; unter Levi’s Jeans und American Apparel T-Shirts. Mit ihrer zweiwöchigen Präsentation wird sich "International Wardrobe" einen Ort inmitten der Ausstellung von Gert und Uwe Tobias suchen und macht damit den Anfang in einer Reihe von vier "Intermedians", die den Aspekt des Handwerklichen und des Folkloristischen im diesjährigen Ausstellungsprogramm vertiefen und auf unterschiedliche Weise beleuchten werden.

Gespräch zwischen Florian Waldvogel und Katharina Koppenwallner über "International Wardrobe"

Intermedian 02
Gabi Dziuba trifft auf Jonathan Johnson
17. - 30. Mai 2012

"Ich glaube, jede Zeit hat ihre eigenen Ausdrucksformen, ihre Ideen und Absichten. Das wird in der Kunst reflektiert und in der Mode, in der Literatur, in der Philosophie. Ich denke, Schmuck sollte das ebenso." (G. Dziuba)

Mit Gabi Dziuba (*1954, lebt in Berlin und München) und Jonathan Johnson (* 1976, lebt in Hamburg) präsentiert der Kunstverein Hamburg zwei Goldschmiedemeister, die Schmuckdesign als künstlerische Disziplin verstehen und sich selbstbewusst zwischen high and low positionieren.

Beeinflusst durch Alltagskultur, Musik, Mode und Kunst entwerfen sie Objekte mit einer eigenen Geschichte, die weit entfernt sind vom kostbaren Accessoire. Vielmehr definieren sie die Rolle des Schmuckträgers neu und machen ihn zu einem Co-Designer. Denn erst durch das öffentliche Auftreten und Zeigen wird der private Schmuck zu einer Haltung und einer – vielleicht politischen – Aussage.

Schon in einer frühen Phase der Gestaltung beziehen beide die späteren Schmuckträger intensiv mit ein. Diese Offenheit gegenüber neuen Ideen und Ansätzen zeigt sich in der engen Kooperation mit Musikern oder zeitgenössischen Künstlern. So arbeitet Gabi Dziuba seit Ende der 1980er Jahre häufig mit Künstlern wie Günther Förg, Martin Kippenberger, Hans-Jörg Mayer, Heimo Zobernig oder Andreas Hofer zusammen. Nicht nur in Bezug auf konkrete Objekte, sondern auch bei Ausstellungspräsentationen oder Kataloggestaltungen.

Und auch Jonathan Johnson entwirft regelmäßig in engem Austausch mit Künstlern wie Franz Ackermann, Bruce LaBruce, Bobby Conn, Rocko Schamoni oder Angie Reed Ringe, Anhänger oder Manschettenknöpfe. Dabei greifen beide immer wieder auf alltägliche oder banale Gegenstände zurück, die, vergoldet oder mit edlen Steinen versetzt, goldschmiederische Tabus und Grenzen überschreiten. So werden Fußbälle, Eimer, Kuhglocken, Schlüssel oder Cheeseburger durch ihre Bearbeitungen zu einem ironischen Kommentar auf die Exklusivität klassischer "Schmuckstücke".

Besonders deutlich wird das am Beispiel eines Kettenanhängers in Form des Wortes "Scheisse". Sowohl Dziuba als auch Johnson haben im Abstand von mehr als 10 Jahren einen solchen Anhänger entworfen. Während der weißgoldene und mit Diamanten besetzte Anhänger von Gabi Dziuba aus dem Jahr 1996 eine raue Oberfläche aufweist, glänzt die glatte und geschwungene Oberfläche des Anhängers von Jonathan Johnson und lässt schnell Assoziationen zum protzigen Schmuck der Hip Hop Szene aufkommen. In beiden Fällen ruft das Schmuckstück Irritationen hervor, ist Provokation und Ausdruck einer eigenständigen Haltung. Und sei es nur durch ihren Träger wie den Musiker und Autor Rocko Schamoni, bei dem der Kontrast zur Hip Hop Attitüde größer nicht sein könnte.

Gleichzeitig öffnen Dziuba und Johnson das Schmuckdesign für neue und ungewöhnliche Formen, Stile und zeitgenössische Einflüsse. Sie bewegen sich damit auf einer kreativen Gratwanderung zwischen bildender Kunst und Kunsthandwerk. Gerade diese produktiven Schnittmengen in unterschiedlichen Feldern und Disziplinen will der Kunstverein mit der Serie der "Intermedians" vorstellen.

Mitschnitt des Gesprächs zwischen Gabi Dziuba, Jonathan Johnson und Florian Waldvogel.

Intermedian 03
Arthur Morass Keramik
14. - 27. Juni 2012

Der Kunstverein Hamburg präsentiert im Rahmen der Reihe "Intermedians" erstmalig eine Auswahl von Keramiken von Arthur Morass (1937-2012). Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Zahnarzt in einem Dorf in Süddeutschland. Seit den späten 1950er Jahren entwarf er in seiner Freizeit Skulpturen und Objekte.

Die praktische Ausführung der bis ins Detail durchdachten Formideen überließ er immer Dritten. Nach flüchtigen Skizzen oder auch nur mündlichen Anweisungen ließ er weltweit Keramiken ausführen und erhielt, bedingt durch seine lückenhaften Vorgaben, produktive und kreative Ergänzungen.

Entscheidender Ausgangspunkt oder Bezugsrahmen war die Trompe-l’oeil-Fayence-Sammlung seiner Mutter. Unbefangen und von ikonografischen Referenzen befreit, entwickelte Morass für seine Gebrauchskeramik eine Formensprache, die den Entwürfen der Martin Brothers ähnelt. Die vier Brüder arbeiteten zwischen 1873 und 1923 in London. Sie kreierten einen Stil, der den Übergang von dekorativer viktorianischer Keramik hin zu der Keramikkunst des 20. Jahrhunderts markiert. Ihre Vogel-Keramiken und Behälter mit Meerestieren haben auch die Arbeiten von Arthur Morass inspiriert.

Aus Meerjungfrauen, Katzen, Walen, Händen oder Pfauen werden bei ihm Aschenbecher, aus Gedärmen und anderen organischen Formen Vasen und aus Gesichtern z.B. Windlichter. Seine Objekte waren und sind unverkäuflich, nur als Patient bekam man sie nach einer schmerzhaften Zahnbehandlungen als Trostpflaster von ihm persönlich geschenkt.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog