Ausstellungen

Florian Baudrexel

23. Juni - 2. September 2012

Florian Baudrexel, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012
Florian Baudrexel, Kneeling Window (2012), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012Florian Baudrexel, Kneeling Window (2012), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012Florian Baudrexel, Kneeling Window (2012), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012Florian Baudrexel, Kneeling Window (2012), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012Florian Baudrexel, Kneeling Window (2012), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012Florian Baudrexel, Ohne Titel (2012), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012Florian Baudrexel, Ohne Titel (2012), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott / Kunstverein, VG Bild-Kunst Bonn, 2012

Florian Baudrexel (*1968, lebt in Berlin) entwickelt für seine Einzelausstellung im Erdgeschoss des Kunstvereins zwei unterschiedliche Raumkonzepte: einen Raum der Leere, der in schrägen Wänden zurückweicht und wenig Anhaltspunkte bietet, und einen Raum der Fülle, der in sein eigenes Zentrum dringt und die Trennung zwischen begrenzender Hülle und Raum auflöst. Der Außenraum hält sich mit den vermeintlich unauffälligen Formen zurück, während sich der Innenraum skulptural in den Vordergrund drängt. Dieser gegensätzliche Moment sollte aber natürlich keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass beide bewusst so gestaltet werden, um ihren Gegensatz auszubilden.

Der Titel der gesamten Rauminstallation, "Kneeling Window", eröffnet einen Bezug zu dem von Michelangelo entworfenen Fenstertypus, der 1517 für den Palazzo Medici Riccardi in Florenz erstmals gebaut und in Manierismus und Barock wiederholt aufgegriffen wurde. Entgegen der üblichen, klassischen Ordnung setzte Michelangelo die Voluten unter das Gesims des Fensters, so dass sie dieses trugen. Da diese Fenster im Erdgeschoss gebaut wurden, reichten die Voluten fast bis zum Boden und bekamen deshalb den Namen des "knienden Fensters". Diese Vermenschlichung der Architektur – oder allgemeiner: der Form – bezieht das Gemachte unmittelbar auf das Organische, das Eigene, das Menschliche und ist damit Sinnbild dessen was wirkt. Eine Form ist Form in ihrer Gestaltungsweise und ihrer Wahrnehmung. Und darin muss sie verhandelbar bleiben, kann anders gefunden werden, dringt auf den Betrachter ein oder weicht vor ihm zurück.

Baudrexels Bearbeitung des Innenraumes lässt sich auch als Skulptur gewordene Malerei verstehen, als räumliches Relief. Hier kommt der Aspekt des Eintauchens in eine andere Welt sowie die Perspektive ins Spiel. Sie bildete lange Zeit ein großes Thema in der Kunst und ist im Zuge von Verortungen, Kontexten usw. in den Hintergrund getreten, um vermeintlichen Geschichten und einer damit einhergehenden Distanz Platz zu machen. Dennoch bleibt relevant, dass Kunst etwas schafft, was zunächst einmal sich selbst genügt, ohne sich pragmatisch in einen funktionalen Kontext einspannen zu lassen. Ein Interesse und eine bildnerische Logik verfolgen ihre eigenen Ziele innerhalb bestimmter Regeln, bei denen es aber legitim ist, diese zu brechen. So ist der Verweis auf Michelangelo ein augenzwinkernd zweifacher: Einerseits auf ästhetische Immanenz und andererseits auf die jeweilige Manier.

Den Auftakt des Reliefbildes markieren einzelne Formen, die wie "Wächter" erscheinen. Solche Figuren tauchen oftmals in der Architektur (an Toren oder auf Dächern) und von dort übernommen, auch in Filmbildern auf. So zum Beispiel in "Batman"-Filmen in Momenten des Innehaltens, bevor es zum großen Finale kommt: Auf den Dächern über Gotham City und als stumme Begleiter leisten nur die steinernen Hunde dem Superhelden Gesellschaft. Das Formale, die Abstraktion, das Kompositorische, aber auch – oder gerade deshalb – das Spielerische, mit dem sich die Skulptur entwickelt hat, fallen auf. Wenig ist bis ins Detail geplant, die wesentlichen Entscheidungen fallen im Prozess.

Florian Baudrexel arbeitet oftmals am Modell und gerade seine kleinformatigen Skulpturen an den Wänden des äußeren Raumteils erinnern unmittelbar an solche. Damit sind sie einem Vorgehen verwandt, das vielfach in der Architektur und der Raumgestaltung zum Einsatz kommt. Die Arbeit "Ohne Titel" (2012) – eine Art Setzkasten kleiner, modulartiger Teile – ist eine Fundgrube von Elementen, die sich ins Unermessliche erweitern lässt und immer wieder neu gefunden und bearbeitet werden will. Versatzstücke sind immer nur Versatzstücke und lassen sich, bei beibehaltener Offenheit, stetig neu bewerten.

Mitschnitt des Künstlergesprächs zwischen Florian Baudrexel und Jochen Weber im Kunstverein Hamburg.

Die Ausstellung wird gefördert von der Hamburgischen Kulturstiftung.

Eine Ausstellung im Rahmen des Hamburger Architektur Sommers 2012.