Ausstellungen

A World of Wild Doubt

26. Januar - 14. April 2013

Mike Kelley, Pansy Metal / Covered Hoof, 1989, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Olaf Pascheit
Tony Oursler, Five Spot, 2012 (Detail), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Olaf PascheitMax Schulze, No Loitering, 2011/12 und Marten Schech, Drei Keile, ein Diamant, die Konche und der Staub, 2013, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Olaf Pascheit"A World of Wild Doubt", Wonderwall, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Olaf PascheitTessa Farmer, The Horde, 2013 (Detail), Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Olaf PascheitTessa Farmer, Butterfly, 2011Andreas Fischer, Der, der bis drei zählt, 2010, Courtesy Galerie Vera Gliem, Köln, Foto: Alred JansenMark Lombardi, Gerry Bull, Space Research and Armscor of Pretoria, South Africa c. 1972-80 (4th version), 1999, Privatbesitz Berlin, Copyright: The Estate of Mark LombardiGilbert & George, Dead Boards No.1, 1976, Privatbesitz HamburgGilbert & George, Dead Boards, 1976, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Olaf PascheitSuzanne Treister, HEXEN 2.0. Historical Diagrams from ARPANET to DARWARS via the Internet, 2009, Courtesy of Annely Juda Fine Art, London

Anarchiks, Martin Assig, Thomas Bechinger, Tim Boxell, G. K. Chesterton, Robert Crumb, Kim Deitch, Jeremy Deller, Friedrich Einhoff, Will Elder, James Ensor, Tessa Farmer, Andreas Fischer, Jim Franklin, Gilbert & George, Rodney Graham, Bill Griffith, Rainer Hachfeld, Rand Holmes, Heino Jaeger, Horst Janssen, Mike Kelley, Hubert Kiecol, Jay Kinney, Denis Kitchen, Joachim Koester, Christof Kohlhöfer, David Lloyd, Mark Lombardi, Bobby London, Paul Mavrides, Cildo Meireles, Olaf Metzel, Norman Mingo, Wilhelm Mundt, Bruce Nauman, Tony Oursler, Sigmar Polke, Antonio Prohías, Matthias Recht, Marten Schech, Gregor Schneider, Max Schulze, Andreas Slominski, Rolf Stieger, Suzanne Treister, Félix Vallotton, Lawrence Weiner, Stephen Willats, Louis Zansky

Ausgangspunkt der Ausstellung ist der Roman Der Mann der Donnerstag war des englischen Schriftstellers G. K. Chesterton aus dem Jahr 1908. In der mysteriösen Kriminalgeschichte über einen siebenköpfigen Anarchistenrat, der in Wahrheit aus Spitzeln der Londoner Geheimpolizei besteht, wird die Angst vor einer Welt im permanenten Ausnahmezustand beschrieben. Die Gefahr geht von Künstlern und Intellektuellen aus. Der Text spinnt ein verwirrendes Netz aus Überwachung und Furcht, nimmt metaphysische Wendungen und mündet in heillosem Chaos. Verhandelt wird nichts geringeres als die Frage, was echte Anarchie ausmacht. Sind die ordnungsliebenden Polizisten die wahren Anarchisten? Basiert das Gesetz zwangsläufig auf dem Akt seiner Überschreitung?

"A World of Wild Doubt" ist keine Ausstellung über als vielmehr ein kuratorisches Experiment mit dem Mann, der Donnerstag war. Es geht nicht um Textexegese, sondern die Besucher werden auf eine assoziative Reise mit historischen und aktuellen Bezügen voller diffuser Stimmungen und bedrohlich-grotesker Situationen geschickt. Zu diesem Zweck bauen und gestalten KünstlerInnen Räume, die sich kritisch mit szenografischer Architektur auseinandersetzen. Die von Unbehagen bis hin zu Paranoia gesättigten Atmosphären des Romans finden vielfältige Resonanzen in der Gegenwart. In Zeiten, in denen der deutsche Verfassungsschutz Attentate von Neonazis ermöglicht oder kriminelle Bankster die globalen Finanzmärkte ausplündern, ist politisch-philosophische Uneindeutigkeit, wie sie Chesterton in ihren Ursachen und Konsequenzen ausmalt, ebenso aktuell wie die Frage, ob ein System von innen heraus erneuert werden kann oder durch einen kommenden Aufstand gesprengt werden muss.

So verbindet die Ausstellung die Skepsis der klassischen Moderne gegenüber absoluter Freiheit mit der gegenwärtigen zwischen Überwachung und Paranoia oszillierenden Stimmung sowie der Kritik an der Vorherrschaft neoliberaler und plutokratischer Gesellschaftsmodelle. Doch ist Der Mann der Donnerstag war auch eine Verteidigung des Unsinns. Und diese Sinnverweigerung nimmt der Roman sehr ernst, denn der Untertitel lautet: Eine Nachtmahr. Dem pessimistischen, anti-modernen Tenor werden die befreienden Kräfte künstlerischer Praktiken entgegengesetzt, die neue Perspektiven schaffen, ohne in Eskapismus zu verfallen. Mit britischem Humor befragen Buch wie Ausstellung bürgerliche Ängste vor revolutionären Aufständen und die Macht des von (anarchistischen) Polizisten geschützten Gesetzes.

Die beteiligten KünstlerInnen nehmen diese Bezüge auf und spinnen sie weiter. Einige der Arbeiten entstehen eigens für "A World of Wild Doubt", andere Positionen bestätigen die schlimmsten Vorahnungen oder formulieren Alternativen. Zusätzlich versammelt ein "Wonderwall" diverse Materialien wie frühe anarchistische Pamphlete, Punkplatten, Bücher, Comics, Grafiken und Ephemera.

Allen BesucherInnen wird die deutsche Version des Romans ausgehändigt; im März 2013 erscheint der Katalog bei Sternberg Press. Die Ausstellung möchte Impulse geben, flankiert von Vorträgen und Gesprächen alternative Strategien zu entwickeln und zu diskutieren, wie den gegenwärtigen Krisen anders als mit Resignation begegnet werden kann.

Im September 2011 fand im Kunstverein Hamburg eine Charity-Auktion zu Gunsten des Kunstvereins statt. Neben zahlreichen Arbeiten von KünstlerInnen, die in der Vergangenheit bereits einmal im Kunstverein ausgestellt hatten, wurde auch eine Ausstellung im Kunstverein verlost. Dieses Los wurde von Michael Liebelt ersteigert, der nun, zusammen mit Dorothee Böhm, Petra Lange-Berndt und Dietmar Rübel diese Ausstellung im Erdgeschossraum des Kunstvereins kuratiert.