Ausstellungen

Gegenwartsgesellschaft

Olaf Metzel

28. September 2013 - 5. Januar 2014

Olaf Metzel, Gegenwartsgesellschaft, 2013, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott
Olaf Metzel, Gegenwartsgesellschaft, 2013, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred DottOlaf Metzel, Gegenwartsgesellschaft, 2013, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred DottOlaf Metzel, Gegenwartsgesellschaft, 2013, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred DottOlaf Metzel, NSU, 2013, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, Foto: Leonie Felle, VG Bild Kunst Bonn, 2013Olaf Metzel, Gegenwartsgesellschaft, 2013, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred DottOlaf Metzel, Gegenwartsgesellschaft, 2013, Installationsansicht Kunstverein Hamburg, Foto: Fred Dott

Der Kunstverein Hamburg widmet sich in einer thematischen Überblicksausstellung dem künstlerischen Werk Olaf Metzels (*1952, lebt in München) der letzten 30 Jahre. Unter dem Titel "Gegenwartsgesellschaft" werden die BesucherInnen mit ausgewählten Arbeiten konfrontiert, die sich mit Deutschland und den verschiedenen Aspekten deutscher Geschichte auseinandersetzen. Metzel selbst bezeichnet seine Arbeiten als "dreidimensionale Bilder, die eine Zeitform sind": Er gibt der Zeit eine Form, ohne die Geschichte aus den Augen zu verlieren. Die Ausstellung im Kunstverein ist deshalb keine Retrospektive, sondern vielmehr ein installativer Parcours durch deutsche Themen, die bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben.

Zentral im vorderen Ausstellungsbereich installiert, versperrt die Arbeit "Noch Fragen?" (1998/2013) den Blick der BesucherInnen und fungiert gleichzeitig als provozierende Suggestivfrage zur Verständlichkeit seiner Arbeiten. In die straff gespannten Camouflage-Stoffbahnen, die ursprünglich vom Militär genutzt wurden, aber heute auch zum stylischen Outfit der Stadtguerilla gehören, sind Baseballschläger eingebunden, die, sowohl auf Auseinandersetzungen unter Fußball-Hooligans als auch auf gewaltbereite Neonazis anspielen. Die suggerierte Gewaltandrohung, die sich durch Titel und Skulptur einstellt, wirkt einschüchternd, motiviert aber vielleicht gerade dadurch.

Mit "Im Grünen" (1992) wird eine weitere raumgreifende Installation präsentiert, die, bestehend aus Kletter- und Tarnnetzen, Zelten und Straßenlampen auf den Trend zum "Urlaub in Krisengebieten" verweist. Der Urlaub in abgegrenzten Ferienanlagen oder in Hotelburgen erfüllt schon lange nicht mehr die Erwartungen an individuelle, einmalige Urlaubserfahrungen. Immer exotischer und gefährlicher müssen die freien Wochen im Jahr genutzt werden, auch der Urlaub muss den Kriterien einer ökonomisierten Gesellschaft entsprechen. Deshalb auch die Kombination mit der Arbeit "Turbokapitalismus" aus dem Jahr 1999. Der ursprünglich von einem amerikanischen Autor ins Spiel gebrachte Begriff bezeichnet einen entfesselten Markt und rücksichtslosen Kapitalismus, der die Grenze zwischen Arm und Reich weiter verschärft.

Den Protest gegen die immer noch bestimmenden Auswirkungen dieser Entwicklungen dokumentieren die aus bedruckten und gebogenen Aluminiumtafeln entstandenen Skulpturen "Utopia" und "Trübe Tage" (beide 2013), die Medienberichte über den Umgang mit Griechenland oder die Occupy-Bewegung zum Thema haben. Immer wieder sind es Zeitungsnachrichten, die Olaf Metzel zu bestimmten Arbeiten motivierten. Von daher ist es nur folgerichtig, dass er mit dem Motiv der Zeitungsseite arbeitet.

Dass es sich bei den Occupy-Aktionen nicht unbedingt um neue Formen urbaner Protestbewegung handelt, verdeutlich die Arbeit "Wurfeisen und Zwille (Entwurf Hafenstraße)" (1990/91), die als direkter Kommentar auf die Hausbesetzeraktionen in der Hamburger Hafenstraße entstand. Ein damaliges Zeitungsfoto zeigte die "Waffen einer urbanen Jugendszene" – Wurfeisen (sternförmige Gebilde aus Stahl- und Eisenstäben) und Zwillen (Metallgabeln mit Gummibändern).

Im hinteren Ausstellungsbereich reguliert das "Drehkreuz" (1991) – welches uns vor allem im öffentlichen Raum begegnet und in der Regel nur in eine Richtung passierbar ist – den Zugang zur Arbeit "Sammelstelle" (1992/2013). Der komplett mit verzinktem Wellblech verkleidete Raum erscheint an einigen Stellen stark demoliert, was Spuren von gezielter Wut oder schleichendem Vandalismus im öffentlichen Raum sein könnten. Auch in diesem Fall war ein Zeitungsfoto Auslöser für die Arbeit: Es zeigte Wohnunterkünfte von Asylbewerbern, verbunden mit einem Ängste schürenden nationalistischen Textbeitrag.

Es sind gerade die Auseinandersetzungen im und mit dem öffentlichen (auch medialen) Raum, die Olaf Metzel einem breiten Publikum bekannt gemacht haben. Stellvertretend für diese Diskussionen werden in der Ausstellung zwei Arbeiten modellhaft vorgestellt: Zum einen, die für den Berliner Skulpturenbulevard 1987 entstandene Arbeit "13.4.1981", die aus meterhoch angehäuften, vergrößerten Absperrgittern und Einkaufswagen besteht. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf die Ereignisse in der Nacht vom 12. auf den 13. April 1981, als es – auf Grund einer lancierten Falschmeldung über den Tod eines RAF-Häftlings – in Berlin zu gewaltsamen Ausschreitungen kam. Die Skulptur, über die in der medialen Öffentlichkeit fast ebenso hitzig diskutiert wurde wie über die eigentlichen Ereignisse, ergreift keine Partei, sondern steht stellvertretend für viele gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen, die öffentlich ausgetragen werden.

Die 1984 für den Württembergischen Kunstverein in Stuttgart realisierte Arbeit "Stammheim" wird über ein Foto im Ausstellungsraum abgebildet, welches den Installationscharakter der Arbeit unterstützt. Die aus einem Beton-Ehrenkranz und dem Schriftzug bestehende Arbeit spielt auf die Ereignisse im gleichnamigen Gefängnis an, in dem gegen die RAF verhandelt wurde und wo man Baader, Ensslin und Raspe 1977 tot auffand. Heute, mehr als 30 Jahre nach diesen Ereignissen, hat die Arbeit weniger mit der RAF zu tun, als dass sie vielmehr ein generelles Mahnmal gegen den Überwachungsstaat darstellt. Auf das Gewaltmonopol des Staates bezieht sich auch die Arbeit "Idealmodell PK/90" (1987) – eine monströs vergrößerte Pistole, das damalige Standardmodell der Polizei. Ursprünglich ausgestellt im Garten des Bundeskanzleramts warf Metzel dem Staat damit vor die Füße, womit dieser seine Macht – auch gegenüber dem eigenen Volk – sicherte.

Die früheste Arbeit in der Ausstellung, "Roter Beton" aus dem Jahr 1981, wird ebenfalls außerhalb ihres ursprünglichen Entstehungsortes, einer leerstehenden Wohnung in Berlin, gezeigt. Sie ist eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod eines Berliner Hausbesetzers. Die aus Eisen gebogene Form wurde in rot gefärbtem Beton ausgegossen und anschließend mit der Flex bearbeitet, so dass eine scheinbar rennende Figur entstand. Vollkommen ortspezifisch ist dagegen die neuste Arbeit, "Sozialtapete", die direkt in die Wand eingearbeitet wurde. Nach Ausstellungsende wird sie entfernt und in dieser Form nicht mehr existieren.

Zur Ausstellung erscheinen eine Edition und eine Publikation.