Ausstellungen

A PARADISE BUILT IN HELL

28.6. - 7.9.2014

"A Paradise Built in Hell", Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott
"A Paradise Built in Hell", Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott"A Paradise Built in Hell", Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott"A Paradise Built in Hell", Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott"A Paradise Built in Hell", Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott"A Paradise Built in Hell", Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott"A Paradise Built in Hell", Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott

Das 16mm-Filmformat im Kontext aktueller Bildproduktion

Hamburg ist filmgeschichtlich eine der wichtigsten Städte in Deutschland, entwickelte sich doch hier eine der einflussreichsten filmgeschichtlichen Bewegungen Westdeutschlands. In den 1950er und 60er Jahren taten sich in Hamburg verschiedene Personen, wie z.B. Werner Nekes, Helmut Herbst, Rüdiger Neumann oder Klaus Wyborny zu kleineren Kollektiven zusammen, um einen „anderen“, eher künstlerisch geprägten Film zu etablieren. Hier war „man an einem regen Diskurs interessiert und pflegte einen aktiven internationalen Austausch mit möglichst vielen anderen ‚anderen‘ Filmemachern und Filmemacherinnen der Welt“ (Heinz Emigholz), wie z.B. mit den heutigen Ikonen Jack Smith oder Paul Sharits. Analyse, Sprengung, Rekonstruktion und Ausweitung der etablierten Filmgenres sind die Ansätze der Hamburger filmkünstlerischen Bewegungen.

Tägliche Filmvorführungen mit anschließender Diskussion

Im Zentrum des Projekts „A Paradise Built in Hell“ steht das von Bettina Steinbrügge und Stefanie Schulte Strathaus neu entwickelte Konzept einer diskursiven Vermittlung filmkünstlerischer Arbeiten. In der vom Berliner Architekten Markus Miessen entworfenen Ausstellungsarchitektur werden im Verlauf des Sommers mit einem Filmprojektor des Kinos „Metropolis“ täglich um 18 Uhr insgesamt über 70 Filme gezeigt, von denen die meisten erst nach der Jahrtausendwende entstanden sind, also zu einem Zeitpunkt, als die digitale die analoge Filmproduktion abzulösen schien. Betrachtet man aber die Bandbreite des 16mm-Formats in der heutigen Kunstproduktion, erstaunen die Fülle und inhaltliche Tiefe im Umgang mit der analogen Filmtechnik. Die Auseinandersetzung wird vertieft, indem nach jedem Film die jeweiligen KünstlerInnen, FilmemacherInnen und TheoretikerInnen per Internet über Skype allabendlich zugeschaltet werden. Die Fragestellung ist: Welche Relevanz hat 16mm insbesondere seit der Digitalisierung des Kinos im Film wie ebenbesonders auch in der jüngeren Kunstentwicklung?

Zusätzlich zu diesem Programm wird es sieben Diskussionsabende mit ProtagonistInnen der Hamburger Film- und Kunstszene geben, für die sich Maike Mia Höhne (seit 2007 Kuratorin der Berlinale Shorts) und Corinna Koch verantwortlich zeichnen. Sie befassen sich schwerpunktmäßig mit der alternativen Filmszene und der Schaffung sozialer Räume über künstlerische Formate.

Filmauswahl

Die Einführung des 16mm-Formats war ein revolutionäres Ereignis, das es den vom „Direct Cinema“ beeinflussten FilmemacherInnen und KünstlerInnen ermöglichte, das Format als politisches und künstlerisches Experimentierfeld zu begreifen. So wurde der 16mm-Film unter anderem zum Begleiter der 1968er-Bewegung wie auch zum Medium eines gesellschaftspolitischen Wandels, der sich als Träger für neue Ideen, Denkweisen und Utopien erwies. Die Abhandlung der amerikanischen Essayistin Rebecca Solnit „A Paradise Built in Hell“ (2009), welcher der Ausstellungstitel entlehnt ist, untersucht gesellschaftliche Dynamiken und Loyalitäten, die aus Katastrophenzuständen heraus entstehen. Es geht um spontane Entwicklungen von Zivilgesellschaften als Strukturen der Menschlichkeit und des Altruismus in Auseinandersetzung mit den Kontrollmechanismen des Staates.

Die Programmauswahl orientiert sich entlang der Frage nach alternativen gesellschaftlichen Organisationsformen und Lebensmodellen, wobei aktuelle Themen wie globale Krisensituationen z.B. in Ägypten oder im Mittleren Osten (Islam Safiyyudin Mohamed, Ala Younis, Hannes Böck, Akram Zaatari, Yto Barrada, James T. Hong), das westliche Gesellschaftsmodell in der Krise (Tacita Dean, Florian Wüst, Ben Russell, Frederick Wiseman, Daria Martin) oder alternative soziale Modelle, die den Freiraum bieten, Gesellschaft neu zu denken (Ben Rivers, Deimantas Narkevičius, Robert Fenz), im Mittelpunkt stehen. Um diese Arbeiten filmgeschichtlich einzubetten, werden relevante Beispiele von u.a. Chantal Akerman, Nagy Shaker, Hollis Frampton oder Jack Smith in Beziehung gestellt, wobei Anthony McCalls „Line Describing a Cone“ (1973) zur Eröffnung der Ausstellung an den Anfang gesetzt ist, hat doch gerade die Projektion als Begriff und Metapher Eingang in eine kritisch, avancierte Spielart der zeitgenössischen Kunst gefunden.

Fortlaufend aktualisierte Dokumentation und Archivierung

Alle Gespräche werden auf der Webpage der Kunstvereins dokumentiert und kontinuierlich aktualisiert, sodass zeitgleich ein Archiv entsteht, welches über die Grenzen der Stadt und der sich aus dem Medium ergebenden Zeitlichkeit des Projekts abrufbar ist.

Ausstellung

Die begleitende Ausstellung, die innerhalb der üblichen Öffnungszeit des Kunstvereins von 12 bis 18 Uhr zu sehen ist, präsentiert – ohne Filme zu zeigen – Archivmaterial der Hamburger Entwicklungslinien bis in die 1980er Jahre hinein und künstlerische Positionen, die sich dem Thema mittels Zeichnung (Heinz Emigholz, Mohsen Sharara), Skulptur (Marie Losier, Martin Ebner), Manifest (Tacita Dean), Collage (Linda Christanell), Plakat (Maria Eichhorn) oder Fotografie (Ludwig Schönherr) widmen.


Der Kunstverein in Hamburg präsentiert „A Paradise Built in Hell“ in Kooperation mit dem Arsenal - Institut für Film und Videokunst Berlin und dem Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel Hamburg. Die Ausstellung wird unterstützt von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, der Mara und Holger Cassens Stiftung, der Hamburgischen Kulturstiftung, der Kinemathek Hamburg, der Alfred Toepfer Stiftung und dem Goethe-Institut Kairo.


Künstlerliste: Chantal Akerman, Adriana Arroyo, Ute Aurand, Michel Balagué, Heike Baranowsky, Yto Barrada, Yael Bartana, James Benning, Ray L. Birdwhistell, Hannes Böck, Guillaume Cailleau, Linda Christanell, Jem Cohen, Octavio Cortázar, Tacita Dean, Maya Deren, Martin Ebner, Maria Eichhorn, Daniel Eisenberg, Heinz Emigholz, États généraux du cinéma, Kevin Jerome Everson, Harun Farocki, Robert Fenz, Hollis Frampton, Romeo Grünfelder, Eve Heller, Helmut Herbst, James T. Hong, Christian Jankowski, Šejla Kamerić, Chris Kennedy, Waszem Khan, Laida Lertxundi, Sharon Lockhart, Marie Losier, Sarah Maldoror, Daria Martin, Anthony McCall, Jonas Mekas, Scott Miller Berry, Jonathan Monk, Dudley Murphy, Deimantas Narkevičius, Rosalind Nashashibi, Sasha Pirker, Amos Poe, Luther Price, Jennifer Reeves, Edgar Reitz, Nicolas Rey, Ben Rivers, Barbara Rubin, Markus Ruff, Ben Russell, Islam Safiyyudin Mohamed, Daïchi Saïto, Ludwig Schönherr, Mohsen Sharara, Nagy Shaker, Peter Sillen, Jack Smith, Michael Snow, Ula Stöckl, Shuji Terayama, Vaginal Davis, Els van Riel, Jacques D. Van Vlack, Clemens von Wedemeyer, Klaus Wildenhahn, Frederick Wiseman, Florian Wüst, Ala Younis, Akram Zaatari

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