Ausstellungen

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life.

Christoph Blawert - Die Verwechslung

25.3. – 29.3.15

 I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christoph Blawert, Die Verwechslung, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott
 I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christoph Blawert, Die Verwechslung, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christoph Blawert, Die Verwechslung, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christoph Blawert, Die Verwechslung, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christoph Blawert, Die Verwechslung, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christoph Blawert, Die Verwechslung, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott

In einer Vielzahl von Hitchcocks Filmen verliert der Held nach einer unglücklichen Verwechslung seine eigene Identität und wird sowohl von den Gangstern, als auch von der Polizei gejagt. In Christoph Blawerts „Die Verwechslung“ wissen wir noch nicht, was hier eigentlich gespielt wird, wer was oder wen verwechselt, ob wir nun einer Verwechslungskomödie ausgesetzt sind oder nicht längst alle unsere Identitäten verloren haben. Ein „Bild“ wechselt das andere ab, Geschichten werden ineinander verwoben, Medien, Töne, Musik, Duftstoffe – alles intermedial ineinander übergehend, offen für Verwechslungen. Ein Porträt auf der Toilette, der Eingangstresen einladend geschmückt, der Eingang zur Ausstellung folkoristisch angehaucht, dann im Raum der mediale Clash: Film, Licht und klassische Malerei –
alle trumpfen gegeneinander auf und übertrumpfen sich, die Malerei schert sich nicht um einen einheitlichen Stil, sondern gleicht einem eklektizistischen Abriss der Kunstgeschichte. Surrealismus trifft auf Pointillismus, Kitsch gleicht sich mit der klassischen Kabinettmalerei ab, Porträts neben Fleisch, Landschaft trifft auch eine rote Variante von Yves Kleins Blau. Die gesamte Malerei ist durchzogen von Referenzen und Symbolen, von Figuren, skurril bis humorvoll. Das Schlafzimmer des Surrealisten Magritte trifft auf Gauguins Sohn und dieser wiederum sieht sich einem Playboy-Cover ausgesetzt. Alles hat miteinander zu tun, alles kann miteinander verwechselt werden, alles passiert gleichzeitig: Die Räume überschneiden sich, der White Cube schwankt, weil seine vermeintliche Neutralität überhaupt nicht mehr von Interesse ist. Schon die Tür zum Ausstellungsraum sieht aus wie der Eingang zur Eigenheimidylle – oder ist es die Fassade eines Varietés? Die Vorstellung jedenfalls beginnt früher und an anderer Stelle. Vielleicht ein Stückchen weiter in der alten Eckkneipe, am Empfangstresen, der sowohl an einen Stammtisch als auch an einen Kindergeburtstag erinnert.

Christoph Blawert inszeniert Doppelbödigkeit und changiert zwischen Kunst und Unterhaltung, Attitüde und Stil und stellt die kleinen Geschichten den großen bekannten und anerkannten gegenüber. Seine Aneignungen münden in poetisch überspitzten Darstellungen, zeigen das, was sich im Verborgenen abspielt, im Unterbewussten und er schreckt auch vor Klischees nicht zurück. Malerei ist für ihn ein Spiegel für ungeklärte Verhältnisse und ein Instrument des Überschreitens: Christoph Blawert reißt die Malerei aus ihrem starren Referenzkorsett, befreit sie von ihrer Zwanghaftigkeit und macht sie beweglich. Er setzt seine Arbeiten einem ständigen Wandel aus, so wie er ihnen ein buntes Riesenrad gegenüberstellt, das den Ausstellungsraum in immer wieder anderes Licht taucht und der Betrachtung Vergnügen bereitet. Seine Ausstellung ist ein Kaleidoskop, das die Ansichten vervielfacht, um die Frage aufzuwerfen, was uns den von jeher in der Malerei thematisierten Blick verstellt.

Im Video „Die Verwechslung“ wiederholt sich immer eine Szene: Ein Mann und eine Frau treffen aufeinander und verabreden sich zu einem Kinobesuch. Das gleiche Bild findet mehrfach statt, im Video, im Kinofilm: Ihre Schritte klackern auf dem Asphalt. Sie wird verschwinden und wieder auftauchen, vielleicht in der Gestalt einer anderen, vielleicht an anderer Stelle. Vielleicht hängt das Kleid noch auf dem Bügel und vielleicht hängt das Parfüm noch in der Luft, das uns schwelgen lässt und in Wirklichkeit billig ist. Aber da gab es ein Bild, eine Annahme, eine Projektion, die sich bereits verfestigt hat und längst nicht mehr stimmt. Ihre Schritte klackern auf dem Asphalt. Sie ist es nicht. Sie sieht ihr zum Verwechseln ähnlich.


Christoph Blawert (geboren 1981 in Offenburg, lebt und arbeitet in Berlin) studierte an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Norbert Schwontkowski und Anselm Reyle. Seine Arbeiten waren zuletzt in der Produzentengalerie in Hamburg, bei ph-projects in Berlin, in der Gruppenausstellung „Im Frühling Darling.“ im Kunstverein in Hamburg im vergangenen Sommer und in der Kneipe Bei Erna in der Kleinen Freiheit zu sehen.


Kuratiert von Bettina Steinbrügge und Nadine Droste.
In Kooperation mit der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg.
Zur Ausstellungsfolge ist eine Publikation erschienen.