Ausstellungen

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life.

Lara Steinemann

8.4. – 12.4.15

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Lara Steinemann, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.
I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Lara Steinemann, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Lara Steinemann, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Lara Steinemann, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Lara Steinemann, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.

„Hören Sie mich an! Was für Beweise brauchen Sie noch? Ich hatte ein Foto von Ihnen behalten, das eines Nachmittags im Park von Ihnen aufgenommen worden war, kurz vor Ihrer Abfahrt. Aber als ich es Ihnen gezeigt habe, haben Sie mir wieder geantwortet, dass das nichts beweist.“ (Letztes Jahr in Marienbad, Alain Resnais)


Was kann Fotografie sein, in dem Moment, in dem sie nichts mehr beweist? Wie kann sie sich als künstlerisches Medium behaupten, in einer Zeit, in der sie omnipräsent ist und jedes noch so kleine alltägliche Ereignis festzuhalten hat, damit wir uns seiner Existenz auch gewiss sein können? Und was passiert, wenn sie über die Aufzeichnung des Sichtbaren hinausgeht, wenn Technologie, Bild, Information und Rauschen ineinander fallen?

Lara Steinemann geht von diesen Fragen aus und produziert Verschiebungen in Arbeiten, die nichts mehr damit zu tun haben, was sich ereignet hat zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, die Eindrücke nicht aufzeichnen, sondern in Form von Fotografie herstellen. Ein Schuh oder ein Teller beginnen zu schweben, zu flirren, sind herausgelöst aus ihrer Umgebung, Schwarz-Weiß einzeln vor hellem oder dunklem Hintergrund inszeniert, so abgelichtet, dass sie im ersten Moment gar nicht als Teller und Schuh erkennbar sind. Steinemann beschreibt die Grenzen der Sichtbarkeit, indem sie in Oberflächen eintaucht, Details findet und visuelle Interferenzen hervorruft. Im Kunstverein in Hamburg präsentiert sie eine großflächige Wandtapete, die eine mit grauen Schieferplatten verkleidete Hausecke horizontal gekippt zeigt: „Dunkle Ecke“ lässt zwei Flächen aufeinanderprallen, als könnten sie aus der Bildoberfläche heraustreten, ein Trompe-l’œil. Die Arbeiten tanzen im Raum, manche hängen sehr hoch, fast unter der Decke, es gibt keinen fixen Standpunkt für die Betrachtung – von Nahem verliert der Blick die Übersicht, bleibt an einzelnen Faltenwürfen des großformatigen „Mantels“ hängen. Steinemann übersetzt ihren fotografischen Prozess in den Raum, macht ihn für den Betrachter erfahrbar. Welche Nähe, welche Distanz ist für die Wahrnehmung notwendig? Was sehen wir, wenn wir ein Bild betrachten?

Ihre Fotografien sind keine Dokumentationen, kein Beweis dafür, „daß das, was ich sehe, tatsächlich dagewesen ist“ (Roland Barthes). Herangezoomte Wasser-, Wiesenflächen, Vorhänge, das Ohr eines Schweins, die ebenmäßige Anordnung seiner Borsten: Steinenmanns Oberflächen wirken wie Zeitvakua, ihre Fotografien fallen aus dem inflationären Bilderstrom heraus, sperren sich gegen die Hektik des digitalen Overkills. In Zeiten, in denen hochtechnische, glatte Oberflächen unsere Wahrnehmung von Bildern bestimmen, Bilder Bedeutungs- und Rezeptionsmechanismen vorgeben, in denen per Mausklick jedes Bild immer abrufbar ist und bis ins Unendliche wiederholt werden kann, wirken die Nahaufnahmen Steinemanns irritierend taktil. Jede Arbeit der Stipendiatin beginnt mit dem Blick durch die Linse ihrer digitalen Kamera. Sie untersucht das Vermögen der Fotografie, überprüft ihr Täuschungspotential und lässt Rückbezüge auf die realen Flächen und Formen obsolet werden. Aber was repräsentiert die Fotografie, wenn ihr der Status, Wirklichkeit darzustellen, abhanden kommt? In „Letztes Jahr in Marienbad“ kann sich die Frau nicht an den Mann erinnern. Sie versprachen einander im Jahr zuvor ein Wiedersehen am selben Ort. Es gibt die eine objektive Geschichte nicht, mehrere Vergangenheiten, mehrere Erzählungen existieren – das Foto verweist nur auf die Vielzahl der Möglichkeiten.
Steinemanns Fotografien appellieren nicht an das Gedächtnis, sie lösen sich im Moment ihrer Präsentation durch ihre Präsenz in der Gegenwart ein, in einer Anordnung, die den gesamten Raum miteinbezieht. Es ist nicht das Bild-, sondern das Ausstellungsformat, das die Fotografien in einen Repräsentationskontext einbindet. Dies bedeutet, Fotografie vor einem anderen Hintergrund lesen zu können – als räumliche Erfahrung, in der die Begegnung mit dem Bild wieder unmittelbar wird.


Lara Steinemann (geboren 1989 in Hamburg, lebt und arbeitet in Hamburg) studierte Fotografie an der an der Folkwang Universität der Künste in Essen bei Gisela Bullacher und Elisabeth Neudörfl. In diesem Jahr hat sie das DAAD-Jahresstipendium zur künstlerischen Weiterbildung erhalten. Ausstellungen hatte sie u.a. im Neuwerk, Konstanz, im Temporären Raum, Essen, im Folkwang Museum, Essen sowie im SANAA-Gebäude, Essen.

Die Ausstellung wird kuratiert von Bettina Steinbrügge und Nadine Droste. In Kooperation mit der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen.