Ausstellungen

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life.

Joscha Schell

22.4. – 26.4.15

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life, Kunstverein in Hamburg, Joscha Schell, "Atelierstaffelei London", 2015, Ausstellungsansicht, Foto: Fred Dott
I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life, Kunstverein in Hamburg, Joscha Schell, "GREAT VIEWS WILL NEVER DIE (II)", 2015, Ausstellungsansicht, Foto: Fred DottI, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life, Kunstverein in Hamburg, Joscha Schell, "Tasche, Arm, Kerze", 2015, Ausstellungsansicht, Foto: Fred DottI, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life, Kunstverein in Hamburg, Eröffnung und Gespräch zwischen Jens Franke und Joscha Schell, 2015, Foto: Fred DottI, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life, Kunstverein in Hamburg, Eröffnung und Gespräch zwischen Jens Franke und Joscha Schell, 2015, Foto: Fred Dott

„I’m an Aquarium... I’m in Aquarium.“ (K-CorealINC.K (section a, Ryan Trecartin)


Die tägliche Verständigung findet heute zum großen Teil über Bilder statt: Orte, Ereignisse und Waren werden über das World Wide Web präsentiert. Jeder kann dabei sein, online konsumieren, vertreiben, Momente teilen und Produkte bewerten. Im Ringen um Aufmerksamkeit, im Kampf um Wert und Präsenz, kommt dem Bild eine Schlüsselfunktion zu: In Zeiten der digitalisierten Kommunikation ersetzt es den direkten verbalen Austausch und wird zum Repräsentationsmedium des kapitalistischen Systems.
Joscha Schell fragt nach der aktuellen Bedeutung von Fotografie in einem Kontext, in dem Adressaten weniger als Rezipienten und mehr als Konsumenten angesprochen werden. Seine Arbeiten greifen die Bildsprache kommerzieller Onlineplattformen auf oder er arbeitet mit der Ästhetik von Handyfotos. In „Tasche, Arm, Kerze“ konfrontiert er eine Fotografie mit einer brennenden Kerze, die von einem Metallarm gehalten und so vor dem Bild positioniert wird, dass sich der Lichtschein in dem Hochglanzabzug spiegelt. Abgebildet ist das Innere einer geöffneten Handtasche – ein intimer Einblick, der im Netz allerdings ganz gewöhnlich sowie zahlreich auftaucht und dazu dient, dem abwesenden potentiellen Käufer das Innendesign des Produkts vorzuführen. Glatten Oberflächen und technischen Materialien setzt Schell Momente der Nähe entgegen. Seine Installationen setzen sich mit der Fotografie räumlich auseinander und verweisen auf die Orte ihrer Entstehung: „GREAT VIEWS WILL NEVER DIE (II)“ ist die zweite Version einer Arbeit, die ursprünglich in Schells Atelier installiert war: Ein Selbstportrait, aufgenommen auf einer Aussichtsplattform, von der die Skyline des Londoner Bankenviertels zu überblicken ist, war in die Fensterfront geklebt. In der wandfüllenden Reinszenierung im Kunstverein in Hamburg fallen das überlebungsgroße Selbstportrait und der Ort künstlerischer Produktion zusammen, Inszenierung und Dokumentation in eins. Mit der Verschachtelung fragt Schell, was es eigentlich bedeutet, ständig im Begriff des Übergangs zu sein. Wie verorte ich mich in einer globalisierten Welt, die räumlich nicht mehr zu fixieren ist, sondern allerorts und gleichzeitig stattfindet?
Dass auch die Sprache längst an die Modi der fluiden digitalen Bilderwelt angepasst ist, führen beispielsweise die Filme des amerikanischen Künstlers Ryan Trecartin vor Augen. Seine Protagonisten sind Produkte des Neoliberalismus, überzeichnet und doch konkreter Ausdruck des digitalen Zeitalters. Ihre Handlungen sind stets „meetings“, sie haben die Sprache des globalen Kapitalismus inkorporiert. Inmitten aller Bewegungen befinden sie sich im Stillstand und wissen nicht, wo und wer sie sind.

„Hi I“ wirft der von Schell selbstgefertigte Projektor in kleinen Lettern an die Wand – das Alter Ego scheint zu grüßen. In Zeiten entfesselter Bilderfluten und permanenter Selbstrepräsentation wird die Frage nach Identität zur ständigen Herausforderung. Im Kunstverein verweist Schell auf die Kreativwirtschaft, ihr ökonomisches Versprechen der Selbstständigkeit und den Irrglauben der Selbstverwirklichung. Bereits an der Tür zum Ausstellungsraum empfängt er die Besucher mit einer Werbeanzeige: Sie preist die „Atelierstaffelei London“ an. Es sind nicht lediglich Produktionsmittel auf die Schell hier referiert, ihn interessieren Darstellungen von Klischees und Apelle an das Begehren. Diese Auseinandersetzung mündet in einer künstlerischen Produktion, in der über die Fotografie die Fragen nach Bild und Raum neu gestellt werden.


Joscha Schell (geboren 1985 in Passau, lebt und arbeitet in Hamburg) studierte an der Kunsthochschule Kassel und am Goldsmiths College in London. 2012 schloss er als Meisterschüler bei Bernhard Prinz in Kassel ab und erhielt das DAAD Stipendium. 2013 war er Preisträger des Hamburger Kunstbeutels. Ausstellungen hatte er u.a. im CGP London, UK, Golden Pudel Club, Hamburg, Vulpes Vulpes, London, UK, und in der HFBK Hamburg im Rahmen des Ausstellungsformats „Folgendes“.

Die Ausstellung wird kuratiert von Bettina Steinbrügge und Nadine Droste. In Kooperation mit der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen.