Ausstellungen

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life.

Katja Aufleger

6.5.–10.5.
15

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Katja Aufleger, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.
I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Katja Aufleger, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Katja Aufleger, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Katja Aufleger, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Katja Aufleger, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.

Jede Organisation nutzt das Problem einer anderen Organisation aus, und wenn dies nur dadurch zu schaffen ist, dass diese Probleme zuallererst geschaffen werden. (Vom Nutzen ungelöster Probleme, Dirk Baecker im Gespräch mit Alexander Kluge)


Jede Intelligenz kompensiert einen Zusammenbruch. Ein Betrieb, eine Lebensgemeinschaft, Auseinandersetzung oder Wahrnehmung sind nur möglich, weil sie immer wieder von neuem versuchen, Probleme zu lösen, auch wenn sie nicht zu lösen sind. Jede Kritik an gesellschaftlichen Zuständen ist in erster Hinsicht die Feststellung eines Problems und im Feld der Kunst hat spätestens die Institutionskritik verdeutlicht, dass auch das Kunstwerk als soziale Tatsache in die Missstände des Zusammenlebens verwickelt ist.
Katja Aufleger nähert sich in ihrer Ausstellung im Kunstverein in Hamburg den gegenwärtigen Fragestellungen des Kunstfeldes über einen als esoterisch verschrienen und trotzdem nicht minder beliebten Lösungsansatz: Die Künstlerin zieht die systemische Aufstellung heran – ein therapeutisches Prinzip, das in den 1990er Jahren durch die Praktiken von Bert Hellinger einen beispiellosen und kontrovers diskutierten Boom erlebte. Die Methode simuliert Strukturen von Familien, Teams oder Situationen und bildet ihre Beziehungen im Raum ab. Die Teilnehmer agieren als Stellvertreter für Personen oder Symbole, um Dynamiken, Stärken oder Schwachpunkte von Systemen zum Ausdruck zu bringen und Haltungen oder Emotionen sichtbar zu machen.
Aufleger überträgt dieses Konzept auf den Ausstellungskontext, indem sie simple Bilder schafft, die für aktuell im Kunstdiskurs dominierende Begriffe stehen: Eine Leiter symbolisiert Karriere, eine Fahne am Mast bedeutet Klimax oder eine überdimensionierte Halskette trägt an der Stelle des Anhängers das Wort Ego. Aufleger arbeitet mit Jugendlichen, die kurz vor dem Ende der Schulzeit stehen und im Begriff sind, in eine globalisierte Welt hinauszutreten. Sie ordnet jedem von ihnen eines der insgesamt zwölf Objekte zu, die im Laufe des Eröffnungsabends im Raum zu einem bleibenden Beziehungsgeflecht angeordnet werden. In diesem Rollenspiel werden die Jugendlichen zu Repräsentanten eines Systems, das sie selbst gerade erst erkunden und die Künstlerin agiert als Mentorin, während der Kunstbetrieb als Klient fungiert.

Aufleger benennt mit dieser Setzung die Bedingungen der Kunstproduktion: Ihre Objektbezeichnungen verweisen darauf, dass die Kunstwelt nicht nur ihren eigenen Gesetzen unterliegt – der weitgehend deregulierte Kapitalismus hat auch vor dem Kunstfeld nicht Halt gemacht. Der Wandel in der Arbeitswelt hin zum „flexiblen Menschen“ (Richard Sennett) hat zu einem Wettbewerb mit gestiegenen Erfolgsdruck geführt, in dem es gilt, sich jeden Tag neu zu erfinden und Netzwerke zu bilden, um den Anschluss nicht zu verlieren. Aus dem permanenten Wortschwall der virtuellen Kommunikation resultiert paradoxerweise ein Zustand der Einsamkeit und Depression. Kapitalismus und Liberalismus funktionieren blendend, weil und obwohl keiner der Akteure durchschaue geschweige denn ausspreche, nach welchen Gesetzen sie funktionieren, formuliert Dirk Baecker im Gespräch mit Alexander Kluge.
In ihrer Inszenierung fragt Aufleger, welche Funktion Objekt, Institution und Betrachter einnehmen und welche Problemstellungen sich zwischen ihnen ergeben. Und sie erklärt gerade nicht die Lösung zum Ziel, sondern verschränkt augenzwinkernd verschiedene Methoden, um das System Kunst und nicht zuletzt seine Ironie neu betrachten zu können.


Katja Aufleger (geboren 1983 in Oldenburg, lebt und arbeitet in Hamburg) studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Andreas Slominski, Matt Mullican und Michael Diers. 2013 erhielt sie den Berenberg Preis für junge Kunst und 2014 den Förderpreis der Kulturstiftung ÖVO. In diesem Jahr wird sie das Zürich-Stipendium antreten, das von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg vergeben wird. Ausstellungen hatte Aufleger bisher u.a. in der Städtischen Galerie Wolfsburg, im Stadtmuseum Oldenburg, im Bonnefantenmuseum Maastricht, in der Bundeskunsthalle Bonn und in der Kunsthalle Wilhelmshaven.

Die Ausstellungsfolge wird kuratiert von Bettina Steinbrügge und Nadine Droste. In Kooperation mit der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen.