Ausstellungen

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life.

Christin Kaiser - Richtfest

27.5. – 31.5.2015

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christin Kaiser, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.
I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christin Kaiser, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christin Kaiser, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christin Kaiser, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Christin Kaiser, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.

„La Defénse müßte eigentlich Sperrzone sein – weil da die Geheimnisse der technokratischen Welt sich ganz unverschämt verraten. Ein Stacheldraht gehört ringsherum und Schilder ‚Fotografieren verboten’.” (Als das Wünschen noch geholfen hat, Peter Handke)


Anfang der 1970er Jahre vollzog sich eine grundlegende Wende in der Kritik an der Architektur der Nachkriegsmoderne. Es ging nicht mehr um sozialpolitische Entstehungszusammenhänge bestimmter urbaner Zustände, sondern um Oberflächen. Die Debatte gerann zum Klischee und Trabantenstädte wie das Märkische Viertel in Berlin oder die Neue Vahr in Bremen wurden schlichtweg als „Ghettos“ diffamiert. Beton wurde zum Symbol für Fehlentwicklung und bis heute wird vielerorts die Beseitigung der „Schandflecke“ – die City-Höfe in Hamburg sind nur ein Beispiel dafür – diskutiert. Mit der Feindlichkeit gegenüber den Bauweisen der Moderne geht ein Retro-Trend einher und innerstädtische Objekte oder ganze Viertel erhalten ein pseudogründerzeitliches Antlitz.

In ihrer Ausstellung „Richtfest“ beschäftigt sich Christin Kaiser mit Luxus-Wohnungsneubauten, die diesem Trend folgen und zudem mit einem erhöhten Sicherheitskonzept werben. Kaiser, deren künstlerische Praxis sich aus der Fotografie ableitet, überführt das sprachliche und visuelle Vokabular, mit dem Luxusbauprojekte repräsentiert werden, in den Ausstellungsraum. Die Werbetexte eines Premium-Quartiers in Düsseldorf, geschrieben aus der Perspektive des Dichters Heinrich Heine, verbindet sie zu einem Hörstück und präsentiert es auf einer Seven-Inch-Vinylplatte, die nur in geringer Auflage existiert. Zusätzlich verweist sie auf einen Link, der ab der Eröffnung den Download weiterer Texte ermöglicht (http://christinkaiser.de/richtfest.html). In dem Video „Historische Mitte“ greift die Künstlerin Clips aus dem Internet auf, animierte Ansichten von historizistisch anmutenden Townhouses, Stadtvillen und Premiumapartments, auf die ein Filter gelegt ist, der die Spuren von analogem Filmmaterial simuliert und das Rattern und Schleifen eines Projektors überträgt. Dem gegenüber stehen vier analoge s/w-Barytabzüge hinter Passepartouts, die bedruckt sind mit dem Zeichen für Denkmalschutz, der Anfang des 20. Jahrhunderts bereits unter dem Begriff Verunstaltungsgesetz rechtlich gefasst war. Kaisers Ausstellung stellt die Frage, wie die Grenzen zwischen Schutz von Kultur und Nostalgie sowie Kitsch verhandelt werden und auf welchen ästhetischen Grundlagen sie beruhen.

Eine weitere Installation, die die Künstlerin direkt hinter der Tür zum Ausstellungsraum positioniert hat besteht aus Pappmodellen, die auf Hutablagen, wie sie in PKWs vorkommen, liegen. Die Hutablage ist ein Relikt vergangener Zeit, der Hut als Statussymbol und Zeichen von sozialem Prestige kam in den 1950er Jahren aus der Mode, etwa zeitgleich zur Verbreitung des Automobils. Die Redewendung „Alter Hut“ bezeichnet überholte Denkweisen oder Gewohnheiten und Christin Kaiser verquickt die Form der Kopfbedeckung mit fiktiven Architekturmodellen, die auf modernistische Bauweisen referieren. Nur das „Modell Luckenwalde“ geht von dem Dach der Färbereihalle der Hutfabrik in Luckenwalde aus. In den frühen zwanziger Jahren gestaltete der Architekt Erich Mendelsohn den expressionistischen Industriebau, den er selbst einmal als seinen besten Bau bezeichnete.
Gesellschaftsutopien, die die Zusammenhänge zwischen Identität, Lebens- und Arbeitsverhältnissen aufgreifen, stellt Kaiser den Buchsbaumkolonien der Gegenwart gegenüber. Es sind die Raumkonzepte und Abgrenzungsmechanismen unserer globalisierten Welt, die sie hinterfragt. Wie grenzenlos ist eine Welt, in der Zäune das Gefühl von Freiheit zu vermitteln scheinen?

Christin Kaiser (geboren 1984 in Erfurt, lebt und arbeitet in Berlin) studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Jutta Koether und ist Mitglied der Künstlergruppe Galerie BRD. 2009 erhielt sie den Hiscox Kunstpreis, 2013 das Atelierstipendium Sootbörn und in diesem Jahr ist sie Teil des Künstlerinnenprojekts Goldrausch art IT. Ausstellungen hatte Kaiser u.a. in der Galerie Max Mayer, Düsseldorf, im Künstlerhaus Sootbörn, Hamburg, im ATP Bahrenfeld, Hamburg, in der Galerie Flut, Bremen, und in der Galerie der HFBK Hamburg.


Die Ausstellung wird kuratiert von Bettina Steinbrügge und Nadine Droste. In Kooperation mit der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen.