Ausstellungen

Malerei, böse

17.10.2015 - 10.1.2016

Malerei, böse, Ausstellungsansicht/Exhibition view, Kunstverein in Hamburg, 2015, Photo: Fred Dott
Malerei, böse, Ausstellungsansicht/Exhibition view (Lydia Balke), Kunstverein in Hamburg, 2015, Photo: Fred DottMalerei, böse, Ausstellungsansicht/Exhibition view (Martin Eder), Kunstverein in Hamburg, 2015, Photo: Fred DottMalerei, böse, Ausstellungsansicht/Exhibition view (Dawn Mellor), Kunstverein in Hamburg, 2015, Photo: Fred DottMalerei, böse, Ausstellungsansicht/Exhibition view, Kunstverein in Hamburg, 2015, Photo: Fred Dott Malerei, böse, Ausstellungsansicht/Exhibition view (Bernhard Martin), Kunstverein in Hamburg, 2015, Photo: Fred DottMalerei, böse, Ausstellungsansicht/Exhibition view (Birgit Brenner), Kunstverein in Hamburg, 2015, Photo: Fred Dott

Lydia Balke, Birgit Brenner, Martin Eder, Bernhard Martin, Dawn Mellor


17.10., 15 Uhr ARTIST TALK
mit Lydia Balke, Martin Eder, Bernhard Martin und Dawn Mellor
moderiert von Bettina Steinbrügge


Kaum eine andere Gattung ist mit so vielen Klischees, Widersprüchen und Vorurteilen behaftet wie die Malerei. Ihr Ende wird jährlich proklamiert, ihre neue Energie alle drei Jahre gefeiert und in mitten all dieser Diskussionen erzielt sie, als sei nichts gewesen, regelmäßig Rekordumsätze auf den internationalen Auktionen und Messen. Die Malerei scheint zu einem Anachronismus geworden zu sein und unserer schnelllebigen und akkumulierenden Zeit diametral gegenüber zu stehen, aktualisiert sie sich doch in langen Zeiträumen, in Feedbackschleifen und in Dialogen mit der Geschichte.

Der Kunstverein in Hamburg stößt mit der Ausstellung Malerei, böse eine inhaltliche Auseinandersetzung über das subversive Potenzial von Malerei an. Im Fokus stehen Arbeiten, die mit den vielfältigen Einschreibungen des Mediums operieren, um Geschmacks- und Wertvorstellungen herauszufordern. Die gezeigten Werke arbeiten dabei mit und gegen die Klischees der Malerei. Sie neigen zu Übertreibungen und Überfrachtungen, zum Kitsch, zu Ironie und zu Gewalt – oft erscheinen sie erst verlockend, um auf den zweiten Blick Abgründe zu offenbaren. Sei es im Großformat oder kaum größer als ein Blatt Papier, spielerisch oder ernst; eines ist ihnen allen gemein: Sie sprechen eine deutliche Sprache, die den Betrachter vor den Kopf stoßen kann.

Diese Ausstellung unternimmt den Versuch, einen Kontrapunkt zu den in letzter Zeit dominanten Überblicksausstellungen zu setzen, die mehr um die Malerei als solche kreisten. Im Vordergrund standen oft Fragen danach, was das Medium ist oder noch sein kann, anstatt seine konkreten Inhalte zu untersuchen. Die theoretischen Diskurse und Ausstellungen der jüngeren Vergangenheit erwecken den Eindruck, als sei der Umgang mit dem Medium von großer Unsicherheit geprägt. Die Repräsentation der zeitgenössischen Malerei scheint – zumindest im institutionellen Ausstellungskontext – in einer Krise zu stecken.

Basierend auf der Tatsache, dass es sich bei Malerei um jene Gattung mit der vermeintlich niedrigsten Zugangsschwelle handelt, birgt sie jedoch ein besonderes Potenzial für Subversion. Anders als beispielsweise der Installation wird ihr nicht per se Komplikation unterstellt. Ein Bild lässt sich schnell erfassen, erfordert kaum Bewegung im Raum und entspricht unseren Sehgewohnheiten, so dass die gelieferte Information schnell verarbeitet werden kann. Aus dieser Vertrautheit entwickelt sich Vertrauen. Das Vertrauen darauf, von Malerei nicht angegriffen, überrascht oder vor den Kopf gestoßen zu werden.

Dieses Vertrauen bietet beste Voraussetzungen für die ausgestellten KünstlerInnen, Spannungen zu erzeugen. Die gezeigten Arbeiten verdienen sich insofern das Adjektiv "böse", da sie uns mit ihren Inhalten überrumpeln. Das im Vorfeld entgegengebrachte Vertrauen der Betrachter wird konsequent unterlaufen. Aber das Böse selbst hat keine eigene Qualität, sondern tritt als Kategorie der Wertzuschreibung immer dann zutage, wenn wir keine Möglichkeit mehr haben, die Perspektive unseres Gegenübers einzunehmen. Die Frage ist aber, ob diese Ablehnung unweigerlich mit dem Einnehmen einer kategorisch moralischen Instanz gerechtfertigt werden kann. Zwingt uns das Gefühl, mit der größtmöglichen Abweichung von dem, was wir als „gut“ empfinden, konfrontiert zu sein, nicht auch selbst zum Handeln; unser Denken und unsere Vorstellungen zu hinterfragen? In diesem Moment des Zögerns und Unbehagens wird die Kraft der Gemälde deutlich. Die in der Ausstellung Malerei, böse gezeigten Positionen zwingen uns, geläufige Moral- und Wertvorstellungen zu hinterfragen. Sie legen herrschende Festschreibungen und Normen als Abbild kultureller Überzeugungen offen, die interpretierbar und vor allen Dingen debattierbar sind.

Die Ausstellung wird gefördert von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg und Sylt Quelle.