Ausstellungen

Dawn Mission

Katja Novitskova

23.4. - 3.7.2016

Katja Novitskova, Dawn Mission, Ausstellungsansicht / Exhibition View, Kunstverein in Hamburg, 2016, Photo: Fred Dott
Katja Novitskova, Dawn Mission, Ausstellungsansicht / Exhibition View, Kunstverein in Hamburg, 2016, Photo: Fred DottKatja Novitskova, Dawn Mission, Ausstellungsansicht / Exhibition View, Kunstverein in Hamburg, 2016, Photo: Fred DottKatja Novitskova, Dawn Mission, Ausstellungsansicht / Exhibition View, Kunstverein in Hamburg, 2016, Photo: Fred DottKatja Novitskova, Dawn Mission, Ausstellungsansicht / Exhibition View, Kunstverein in Hamburg, 2016, Photo: Fred Dott

Was hat der Sonnenaufgang auf dem Mars mit hochaufgelösten, überlebensgroßen Aufnahmen eines Geckos zu tun? Warum entfalten sich schematische Darstellungen aus Proteinstrukturvorhersageprogrammen vor Nachtsichtaufnahmen einer Kamelherde?
In ihrer ersten großen institutionellen Einzelausstellung im Kunstverein in Hamburg erschafft Katja Novitskova einen spekulativen Möglichkeitsraum an der Schwelle zu dem, was in der heutigen Welt sichtbar gemacht werden kann. Dabei stößt sie in die Grenzbereiche der visuellen Datenverarbeitung vor.

Die Ausstellung Dawn Mission wird von Skulpturen bevölkert, deren Zusammensetzung auf den ersten Blick nur schwer nachvollziehbar scheint. Novitskova eignet sich für ihre Arbeiten Bildwelten an, die allesamt auf Realitäten verweisen, die fernab unserer physiologischen Wahrnehmungskapazität liegen und doch längst als visuelle Artefakte Einzug in unsere Wirklichkeit gehalten haben. Heute werden nahezu alle Aspekte unserer Umwelt und unseres Lebens sekündlich aufgezeichnet oder durch Software geformt. Schon lange hat die Datensammelwut dabei die Grenzen unseres Planeten überschritten. Das gesammelte Material fungiert als unser primäres Werkzeug, mit dem wir nicht nur die Erde, sondern auch das Universum erkunden. Hochsensible Satellitenkameras, Drohnen, Tiefseeroboter und Raumfahrzeuge,  Überwachungskameras oder Elektronenmikroskope liefern ununterbrochen Bilddaten häufig jenseits des menschlichen Sehspektrums. Diese Datensets lassen sich als Übersetzungen von Licht in numerische Codes verstehen, die erst einmal nicht für die menschliche Wahrnehmung gedacht sind. Die gesammelte Bilderflut existiert zunächst oft nur in der für uns unsichtbaren Sphäre der Datenanalyse-Algorithmen. Sobald ein relevantes Muster durch Rechner entdeckt wird, geschieht die Transformation in ein Bild – eine visuelle Informationsquelle, die uns als Format seit Jahrtausenden vertraut ist. Trotz der heutigen Dominanz der Algorithmen existieren gleichzeitig immense Datensets, die nur das menschliche Auge effizient verarbeiten kann, denn Bildanalyseprogramme operieren häufig nach einer Logik, die für uns nicht nachvollziehbar ist. Anders gesagt, sie können einfach nicht gut “sehen.“ Online-Bürgerwissenschaftsprojekte, die auf diesen Übergangsraum zwischen Big Data und menschlicher Wahrnehmung fokussieren, sind der Ausgangspunkt für Novitskovas Ausstellung Dawn Mission. Zur Analyse komplexer Daten, deren Muster nicht durch Maschinen verarbeitet werden können, nutzen diese Forschungsvorhaben den Effekt der Schwarmintelligenz. Hunderttausende Nutzer klassifizieren online beispielsweise Galaxien nach ihren Formen, markieren individuelle Walflossen oder suchen nach Eier legenden Würmern unter dem Mikroskop. Die meisten dieser Bildwelten lassen sich als sogenannte Grenzdaten verstehen. Das bedeutet die User sind häufig die ersten Nicht-Maschinen, die ihren Blick auf dieses besondere Register unserer Realität richten.

In dieses Spannungsfeld der Übersetzung hakt Novitskova mit ihren Arbeiten ein und überträgt das Phänomen in den Ausstellungsraum. Dawn Mission ist eine Fortführung ihres anhaltenden Interesses an maschinell produziertem Bildmaterial aus den Grenzbereichen unserer Welt wie dem Mars oder dem Tiefseeboden. Die Künstlerin konzentriert sich jetzt auf lichtbasierte Bilddaten jenseits des für uns sichtbaren elektromagnetischen Spektrums als Grenzland an sich und als fruchtbare Umgebung für neue Formen. Durch Überblendungen und Rekontextualisierung kreiert sie eine Poetik der Interaktion zwischen Mensch, Maschine und Umwelt und verlässt dabei unsere anthropozentrische Weltsicht. Auf diese Weise untersucht Dawn Mission die radikale Neuartikulation der Rolle des Bildes heute und die ökologischen Dimensionen der konstanten medialen Transformation unserer Welt. Novitskovas Rolle in dieser künstlerischen Forschung lässt sich vielleicht am besten mit der einer biologischen Suchmaschine vergleichen, die unsere chaotische Realität nach Bedeutungsmustern und Zusammenhängen scannt.

Katja Novitskova (*1984 in Tallinn, Estland; lebt und arbeitet in Amsterdam und Berlin) hat Semiotik und Kulturwissenschaften an der Universität Tartu studiert, bevor sie ihren Master in Digitale Medien an der Universität zu Lübeck machte und Grafikdesign am Sandberg Instituut in Amsterdam studierte. Ihre noch junge künstlerische Karriere umfasst bereits Ausstellungsbeteiligungen im Museum of Modern Art in New York, in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel, der Kunsthalle Lissabon und der Kunsthalle Wien. Sie gehört zu den diesjährigen Nominierten für den Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen und für den Nam June Paik Award. 2017 wird sie Estland auf der 57. Ausgabe der Biennale di Venezia vertreten.

Zur Ausstellung erscheint ein Künstlerbuch bei Mousse Publishing. Die Ausstellung wird kuratiert von Tobias Peper.

Mit freundlicher Unterstützung der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, der Hamburgischen Kulturstiftung und des Mondriaan Fonds.

Das Booklet zur Ausstellung finden Sie HIER