Ausstellungen

Menschen suchen nach ihrem Glück

Generating Talk

7.12.2016 - 15.1.2017

Seit Februar 2016 finden im Kunstverein in Hamburg in regelmäßigen Abständen Zusammenkünfte mit geflüchteten syrischen Familien statt. Menschen suchen nach ihrem Glück ist ein Forum für Diskussion und wechselseitigen künstlerischen Austausch.


Mithilfe der Fotografie arbeiteten die ProjektteilnehmerInnen ihre neue Lebenssituation in einer ihnen fremden Stadt und Kultur auf. Dabei diente die praktische Arbeit mit der Kamera nicht selten als Kommunikationswerkzeug – die Übersetzung des eigenen Blicks auf die Welt in ein Bild vermag Hürden zu überwinden, an denen gesprochene Sprache zunächst scheitert. Nach einer technischen Einführung in die Grundlagen der Fotografie begannen die TeilnehmerInnen mit ihrer individuellen Dokumentation des Projekts. Die Kamera war fortan ständiger Begleiter bei gemeinsamen Treffen, Ausstellungsbesuchen und Exkursionen.


An der Fensterfront des Kunstvereins fand sich bis August 2016 eine grafische Darstellung, welche die Anzahl der Asylanträge abbildete, die von Juni 2015 bis Mai 2016 in Deutschland gestellt wurden. Ausgewählte Fotos der TeilnehmerInnen wurden in dieser grafischen Gestaltung präsentiert und fügten den abgebildeten Fakten so eine subjektive, individuelle Perspektive hinzu.


Die Auseinandersetzung mit den im Kunstverein ausgestellten künstlerischen Positionen ließ die ProjektteilnehmerInnen zu Fragenden und Befragten werden. Individuelle Erfahrungen, Sichtweisen und Interpretationen wurden im Verlauf der Treffen kommuniziert und diskutiert. Gedichte arabischer LyrikerInnen wie Hanane Aad, Sabah Zouein oder Fuad Rifka gewährten einen Zugang zur Auseinandersetzung mit Themen wie Abschied, Neuanfang und Hoffnung. Neben veränderten Lebensbedingungen und kulturellen Stereotypen wurden innerhalb der Gruppe auch eigene Vorurteile hinterfragt: Wie ist die Haltung des Islam zum Feminismus? Was denken Mütter und Jugendliche über die Verschleierung der Frau?


Für die Beschäftigung mit feministischen Debatten sowie nationalstaatlichen Ideologien bot die Ausstellung der französischen Künstlerin Lili Reynaud Dewar TEETH, GUMS, MACHINES, FUTURE, SOCIETY (24.09. – 20.11.16) diverse Anknüpfungsmöglichkeiten. Die TeilnehmerInnen beschäftigten sich mit Ausschnitten aus Donna Haraways Essay A Cyborg Manifesto von 1985, dem in Reynaud Dewars Arbeit eine zentrale Stellung zukommt. Haraway verweist auf die veränderten Kategorien von Klasse, Rasse und Gender in der Gesellschaft vor dem Hintergrund potentiell zunehmender Schnittstellen von Mensch und Maschine. Im Zuge dessen betont sie das problematische Fortwirken des Patriarchats, des Kolonialismus, Essentialismus und Naturalismus. Die ProjektteilnehmerInnen diskutierten die Möglichkeiten objektiven Wissens und die von Haraway formulierte These zur konstruierten kulturellen Identität: So haben sie in Deutschland nicht das in Syrien verbreitete Bild des ausschließlich sorglosen Lebens vorgefunden. Zugleich herrscht in Europa die verzerrte Idee der fremdbestimmten arabischen Frau. Das Bewusstsein um jene Konstruktionen sowie deren Hinterfragung wurde von allen TeilnehmerInnen als Herausforderung verstanden.


Die Ausstellung C & O (24.09. ­– 20.11.2016) von Christoph Meier setzte sich mit dem Raum als Ort sozialer Interaktion auseinander und motivierte auf diese Weise zum Austausch über diesen Themenkomplex. Angeregt von Meiers Installation berichteten die TeilnehmerInnen von den verschiedenen Grenzsituationen, denen sie auf ihrem Weg nach Hamburg begegnet sind. Nicht zuletzt haben diese Erlebnisse dazu beigetragen, dass ihr Verständnis von Ort und Raum für sie weniger mit Barrieren als mit Freiheit und Sicherheit in Verbindung gebracht wird.


Im Foyer des Kunstverein in Hamburg werden großformatige Fahnen die gemeinsam erlebte Zeit dokumentieren. Die Fotografien bilden die TeilnehmerInnen ab und wurden zugleich von ihnen angefertigt.

Die Ausstellung wird von Corinna Koch kuratiert. Zur Ausstellung erscheint ein Booklet.


Mit freundlicher Unterstützung der Hildegard und Horst Röder-Stiftung und der Dr. Renate Thomsen Stiftung für Kinder.