Ausstellungen

Klassenverhältnisse - Phantoms of Perception

27. Oktober 2018 - 27. Januar 2019, Eröffnung: 26. Oktober

Neïl Beloufa, Benedikte Bjerre, Monica Bonvicini, Harun Farocki / Antje Ehmann, Jan Peter Hammer, Thomas Hirschhorn, Katie Holten, Sven Johne, Los Carpinteros, Henrike Naumann, Driss Ouadahi, Sigmar Polke, Ariel Reichman, Joe Scanlan, Andrzej Steinbach, Jean-Marie Straub / Danièle Huillet, Anna Witt, Tobias Zielony


Die Gruppenausstellung Klassenverhältnisse – Phantoms of Perception widmet sich heutigen Narrativen von Klassenzugehörigkeit, Macht und sozialen Unterschieden, die als selten artikulierte Phantome in der öffentlichen Wahrnehmung stets präsent sind, und zeigt Künstler*innen, deren Arbeiten auffordern, die Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge zu richten, die außerhalb des bewussten Sichtfeldes liegen, aber unsere Wahrnehmung von gesellschaftlichem Zusammenleben entscheidend bestimmen.


Ausgangspunkt der Ausstellung und zugleich Einladung zur Wiederentdeckung eines in Deutschland bisher weniger bekannten herausragenden filmischen Werks ist Klassenverhältnisse des französischen Filmemacherpaares Jean-Marie Straub (*1933) und Danièle Huillet (1936-2006) von 1984, eine in Hamburg gedrehte Verfilmung von Franz Kafkas Romanfragment Der Verschollene. Der Film erzählt vom sozialen Abstiegsweg des jungen, verstoßenen Karl Roßmann, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht und doch nicht findet. Klassenverhältnisse beginnt mit einem vieldiskutierten und prägenden Bild: Minutenlang zeigt die Kamera eine statische Aufnahme des Störtebeker-Denkmals, das zwei Jahre zuvor in der heutigen HafenCity nahe seines Hinrichtungsortes am Grasbrook errichtet wurde. Der nackte Freibeuter in Ketten erinnert auch an den legendären Wortbruch des Hamburger Bürgermeisters, der versprach, jedem Crewmitglied, an dem der enthauptete Störtebeker vorbeizulaufen vermochte, die Freiheit zu schenken. Bis zum elften Mann soll er noch gekommen sein, doch wurden alle hingerichtet. Straub / Huillet fokussieren gleich mit diesem Eingangsbild auf die Fragilität von sozialer Ordnung, Recht, Freiheit und Hierarchien, die auf ewig in Bronze gegossen zu sein scheint.


In den komplex konstruierten Bildräumen ihres Films Klassenverhältnisse nimmt die Kamera selten Positionen ein, die gewöhnlichen Sehgewohnheiten des Kinos entsprechen. Beständig vollzieht sich Geschehen in einem erweiterten Raum, den der Zuschauer wahrnimmt, aber nicht direkt sieht. Das Bild des Gespenstes ist zentral in Auseinandersetzungen mit sozialen Realitäten, so beschreibt Jaques Derrida das Gespenst als das „Anwesende ohne Anwesenheit“. Der Kunsthistoriker und Wahrnehmungstheoretiker Ernst Gombrich beschrieb als „phantom percepts“ den Umstand, dass wir nie nur sehen, was wir sehen, sondern stets antizipieren, erinnern, und die Relation der eigenen Position zum Gegenstand mitdenken. So können künstlerische Arbeiten in den Blick genommen werden, die den Wahrnehmungsraum erweitern, soziale Zusammenhänge problematisieren und sich einer Technik und Sprache bedienen, die diese Zusammenhänge mit hervorbringen. Phantoms of Perception verweist aber auch darauf, wie Künstler*innen Perspektiven einnehmen, die normalerweise nicht von Personen eingenommen werden. Aufnahmen aus einem solchen Blickwinkel wurden seit 1920 in den USA als phantom shots bezeichnet. Harun Farocki, der in Klassenverhältnisse einen französischen Immigranten spielte und parallel einen Film über die Dreharbeiten realisierte, verwendete den Begriff in seinen Analysen heutiger technischer Bilder.


Die Ausstellung zielt auf ein Ausbrechen aus gewohnten Denkstrukturen: Ist es möglich, mit Phantomwahrnehmungen zu arbeiten, um den Blick des Betrachters auf neue Arten des Sehens zu leiten – kann seine interpretierende Erwartungshaltung genutzt werden, seine Aufmerksamkeit auf ein anderes Objekt, andere Zusammenhänge, zu lenken, kann Irritation hergestellt werden, durch die Phantome, die sich schon eine ganze Weile im selben Raum befinden, plötzlich sichtbar werden?

Klassenverhältnisse existieren, jedoch als Phantome, denn die Begriffe, die sie beschreiben, sind heute im öffentlichen Diskurs, in Kultur und Medien kaum noch präsent. Die Ausstellung schaut hinter die Mechanismen, mit denen Künstler*innen im Binnenraum der zeitgenössischen Kunst das Blickfeld erweitern, auf soziale Realitäten, mit denen sie uns dort konfrontieren. Sie fragt nach den Phantomen, die unsere Gesellschaft gegenwärtig umtreiben: Machtmechanismen, Ursachen eines erstarkenden Rechtspopulismus und in der scheinbar umgreifenden Angst vor dem sozialen und wirtschaftlichen Abstieg.


Getreu der Erhardschen Maxime „Wohlstand für alle“ hatten Millionen von Deutschen einst ein Ziel vor Augen, das sich tatsächlich erreichen ließ: ein Platz in der Mittelschicht. Das bedeutete mehr Wachstum und sozialen Frieden, von dem alle profitierten. Der Begriff der „Klasse“ als Relikt der Klassenkämpfe der 1970er Jahre erscheint heute überholt. Der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon weist aber darauf hin, dass „wenn man ‚Klassen’ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlten, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben.“ Der Erfolg seines Buches Retours à Reims (2009) und des Kernarguments auch hierzulande weisen darauf hin, dass es offensichtlich eine Leerstelle im öffentlichen Diskurs gab und gibt, ein mangelndes Bewusstsein für soziale Realitäten besonders in der Politik und den Ballungszentren gut ausgebildeter Menschen in Metropolregionen.


Die Ausstellung verhandelt diese Themen, die im Zentrum der Herausforderungen für das Gelingen von Gesellschaften im 21. Jahrhundert stehen, nicht als abstrakte und entrückte, sondern auch mit dem Erfahrungsraum ganz konkreter Lebenswirklichkeit durch die Rückbindung von Karl Roßmanns universeller Odyssee an Hamburg.


Die Ausstellung wird von Bettina Steinbrügge, Benjamin Fellmann und Tobias Peper kuratiert und entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, der Rudolf Augstein Stiftung, Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung und der Danish Arts Foundation.