Veranstaltungen

05.06.2010, 7 pm

Günther Jacob

Kapitän Ahab als Verschwörungstheoretiker

Der Kunstverein Hamburg präsentiert im Lebendigen Archiv eine Auswahl von Filmen, die sich mit der literarischen Figur Moby Dick aus dem gleichnamigen Roman von Herman Melville auseinandersetzen. Das Filmprogramm entstand aus Anlass der interdisziplinären Tagung der Universität Siegen, organisiert und geleitet von Prof. Dr. Niels Werber, die in diesem Jahr im Kunstverein Hamburg stattfindet. Sie beleuchtet die Bedeutung des Romans als gesamtkulturelles Phänomen, welches uns auch heute noch entscheidende Fragen stellt: Fragen der Geopolitik und Globalisierung, der Versicherung der kulturellen Identität und ihrer transnationalen Auflösung sowie von Macht und Norm.

In einem öffentlichen Vortrag widmet sich der Autor und Journalist Günther Jacob der Figur des „Kapitän Ahab als Verschwörungstheoretiker“:

"1996 verglich Daniel Goldhagen in seinem Werk „Hitler's Willing Executioners“ den antisemitischen Verfolgungswahn der Deutschen mit der Besessenheit des Kapitän Ahab in Melvilles Roman Moby Dick: "Germans' violent anger at the Jews is akin to the passion that drove Ahab to hunt Moby Dick". Verschiedene Autoren fanden diese Analogie unpassend: Während Ahabs Raserei Folge der Verletzung sei, die Moby Dick ihm zugefügt hatte, sei die Ermordung der europäischen Juden keine „Antwort“ auf jüdische Gewalthandlungen gewesen. In Ahabs Fall sei das Motiv klar, während die deutsche Abscheu vor den Juden kein „Motiv“ in diesem Sinne hatte. Doch Ahabs Obsession ist keineswegs so rational, wie es Goldhagens Kritiker darstellen. Es ist erstaunlich, dass Goldhagens Bezugnahme auf Melville während der gesamten „Goldhagen-Debatte“ der 1990er Jahre in Deutschland  nicht zum Thema wurde. In den USA wurde viel darüber diskutiert und auch in Frankreich, wo Melvilles Moby Dick schon sehr früh als ein Werk rezipiert wurde, das von wahnhaften Verschwörungsphantasien handelt. So interpretiert zum Beispiel Jean-Paul Sartre bereits 1941 Moby Dick als eine Kritik des Rassenantisemitismus der Nazis und des Vichy-Regimes. Und auch in der Auseinandersetzung von Georges Perec mit Judentum und Antisemitismus hat Moby Dick bei der Thematisierung von Rache als nie konkret begründetes Motiv eine intertextuelle Präsenz."