16.11.2011, 19 Uhr
Lärmfieber aus dem Wohnzimmer
Pop, Kunst und Kassettentäter
Pop, Kunst und KassettentäterEin Vortrag mit vielen Bild- und Musikbeispielen von Alfred Hilsberg (ZickZack) und Felix Kubin (Gagarin Records) im Gespräch mit Werner Büttner (HFBK)
Mit dem Siegeszug der ersten bezahlbaren Synthesizer, Casio-Keyboards und Drumcomputer entstand in Deutschland Anfang der 1980er Jahre eine neue radikale Kultur des Musikmachens. Die produktionstechnische Unabhängigkeit und die Angst vorm anstehenden Weltuntergang förderten den experimentellen Umgang mit Popmusik. Das Aufeinandertreffen der Kunst- und Musikszene, die Durchmischung der Interessen im Bewusstsein einer Abgrenzung gegen Staatsgewalt und redundante Diskussionskultur führten zu einer neuen Sicht auf Kunst- und Musikproduktion. Gehandel wurde im Aktionsmodus des (Post-)Punk: schnell und auf den Punkt gebracht. Die Protagonisten der neu aufkeimenden Untergrundmusik praktizierten in ihren frisch gegründeten Heimstudios eine "ungerichtete Aggression der befreiten Geräusche" (Frank Apunkt Schneider, "Als die Welt noch unterging"). Für kurze Zeit wurde Deutschlands Musikszene in einen Zustand euphorischen Lärmfiebers versetzt. Der Minimalismus vieler Produktionen aus dieser Zeit war oft produktionstechnisch begründet: Es standen nicht mehr als 4 Tonspuren für Aufnahmen zur Verfügung.
Alfred Hilsberg fing mit seinem 1979 gegründeten legendären Plattenlabel "ZickZack" die versprengten Talente der neuen Musikszene auf und verhalf nicht wenigen von ihnen zu (vorübergehender) Berühmtheit. Felix Kubin begann bereits mit 12 Jahren, elektronische Homerecording-Musik zu produzieren. 1983 wurde er bei einem Konzert im Hamburger "Hafenklang" von Alfred Hilsberg entdeckt und fortan durch die Vermittlung weiterer Konzerte (z.B. bei ZickZack Festivals) von ihm gefördert. 1998 gründete Kubin sein eigenes Plattenlabel Gagarin Records, auf dem er bis heute experimentelle Popmusik und Konzeptschallplatten veröffentlicht.
Werner Büttner gründete 1976 mit Albert Oehlen die "Liga zur Bekämpfung des widersprüchlichen Verhaltens". In den 1980er Jahren wurde er zu den "Jungen Wilden" in der Malerei gerechnet, die sich von der Konzeptkunst abwendeten und eine Rückkehr der Malerei propagierten. In den Medien, wie der Zeitschrift Twen, die im Mai 1982 die Vertreter der "Neuen Wilden" vorstellte, machte Büttner u.a. mit Gesellschaftskritik, ironisch-provokanten Aussagen, rebellischen Posen und verbalen Tabubrüchen auf sich aufmerksam. Ein Manifest, dass er gemeinsam mit Albert Oehlen und Georg Herold veröffentlichte, trägt z.B. den Titel „Facharbeiterficken“. Seit 1989 ist Büttner Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.
Alfred Hilsberg und Felix Kubin werden an diesem Abend im Gespräch mit dem Künstler Werner Büttner (HFBK) aus verschiedenen Blickwinkeln ihre Wahrnehmung des "deutschen Lärmfiebers" schildern, das mit einer starken Verschränkung der Kunst- und Musikszene einherging und den Grundstein für die heutige DIY-Kultur legte.