10.8.
–20.10.
2019
Sarah Abu Abdallah

Sarah Abu Abdallah, For the First Time in a Long Time, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott

Sarah Abu Abdallah

For the First Time in a Long Time

Sarah Abu Abdallah (*1990 in Qatif, Saudi- Arabien) arbeitet mit Video, Malerei, Text und Installation. Ihre Bildwelten sind geprägt von ihrer sich ständig verändernden Umgebung zwischen ihren Reisen und ihrer Heimat in Saudi-Arabien, von den visuellen Datenströmen des Internets oder auch der Popkultur in der Golfregion. Es geht in den Arbeiten um die Suche nach einem Selbst und einem Gefühl von  Zugehörigkeit. Wie manifestiert sich beides im öffentlichen und im privaten Raum, insbesondere wenn die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich sind? Fragmentarisch kombiniertes Text- und Bildmaterial verweist in dieser Untersuchung auf die Flüchtigkeit von Erinnerungen und auf Momente von Beklemmung in einer sich immer schneller drehenden Welt. Abu Abdallahs Arbeiten stecken voller Poesie. Wiederkehrende Motive sind Momente des Verschwindens und der Zerstörung sowie Fragen nach genderspezifischen Codierungen und Restriktionen im Häuslichen und Öffentlichen – auch vor dem Hintergrund ihrer Rolle als Künstlerin in der saudischen Gesellschaft. Ein zentraler Aspekt in allen Arbeiten ist die Metaphorik von ungezähmter versus vom Menschen gebändigter Natur.

Die erste Einzelausstellung der Künstlerin in Europa vereint zwei Filme und neue Malereien zu einer Gesamtinstallation. Der Film The Salad Zone (2013) nimmt das alltägliche Leben in den Blick. Abu Abdallah untersucht darin das Absolute, das Vorgeschriebene und das Absurde gesellschaftlicher Übereinkünfte in einer Zeit des Überflusses sowie daraus resultierende Konstruktionen von Angst. Die Arbeit lässt Abu Abdallahs charakteristischen Umgang mit Sprache und Bild erkennen. Sie konzentriert sich auf Nebenschauplätze und Banalitäten, in denen sie nach kleinen Geschichten sucht, die von Größerem erzählen. Die Aufnahmen entstammen dabei aus ihrem privaten Umfeld, ohne ihren konkreten Hintergrund zu offenbaren. Für die Künstlerin geht es dabei um die Frage, was von Erinnerungen und Begegnungen bleibt, wenn man ihre visuelle Referenz aus ihrem Kontext entfernt.

In diesem Zusammenhang ist auch ein Gewächshaus zu verstehen, in dem historische, in der freien Wildbahn mittlerweile ausgestorbene Tomaten in der Ausstellung gezüchtet werden. Sie stehen sinnbildlich für eine spezifische Tomatensorte, die heute aufgrund von Bodenreformen in Saudi-Arabien nicht mehr existiert, und die Kindheitserinnerungen der Künstlerin an deren besonderen Geschmack. Gleichzeitig zeugt die Installation davon, wie einmal Vergangenes nur noch künstlich und doch nie wieder gleich nachgebildet werden kann.

Der zweite Film, The House That Ate Them Whole (2018), erzählt anspielungsreich die Geschichte eines Hauses, das seine Bewohner*innen verschlingt, während es davon träumt, sich aus seiner statischen Situation zu befreien. Hintergrund der Arbeit ist ein Nachdenken darüber, wie uns unsere alltägliche Umgebung – die Inneneinrichtung von Häusern und die Dinge, die wir darin anhäufen – formt und beeinflusst. Der Mikrokosmos der häuslichen Umgebung wird hier mit den sozio-politischen Fragestellung unserer Gesellschaft verknüpft. Die Beobachtung von kleinen Alltäglichkeiten ist bestimmend in Abu Abdallahs durchaus humorvoller Analyse unterschiedlicher Kulturen und Gesellschaftsformen; immer geleitet von der Frage danach, wie sich diese in unserem Leben und unserer Identität widerspiegeln. Dies zeichnet sich auch in einer großformatigen Malereiinstallation ab, die vergleichbar mit einem Wandfries einen weiten Teil des Ausstellungsraums umfasst. Mit dem Prinzip der Collage verfolgt Abu Abdallah hier ebenfalls eine Pars pro Toto-Strategie, die das Selbst in einer sich fortwährend verändernden Umwelt in den Blick nimmt.

Sarah Abu Abdallah (*1990 in Qatif, Saudi- Arabien) studierte Digital Media Art Studies an der Rhode Island School of Design und an der Universität von Sharjah. Sie zeigte international auf Einzel- und Gruppenausstellungen u.a. bei der Gwangju Biennial 2018, der Sharjah Art Foundation (beide 2018), im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, im Centre Pompidou (beide 2017), beim Chicago Underground film festival, in der Luma Foundation (beide2015), der Serpentine Galleries, der Whitechapel Gallery und bei der 55. Venedig Biennale (alle 2013) .

Die Ausstellung ist eine Koproduktion mit dem Jameel Arts Centre, Dubai, wo sie im Dezember 2019 eröffnet wird. In Zusammenarbeit mit Art Jameel erscheint die erste Monografie der Künstlerin. Die Ausstellung und der Katalog wurden unterstützt durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung im Rahmen des Förderpreises „Kataloge für junge Künstler“.

Förderung
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