15.2.
–31.5.
2020
Fin de Siècle

Rückblick, General Idea, Fin de Siècle, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2020, Foto: Fred Dott

Heute zum letzten Mal

RÜCKBLICK

General Idea

Fin de Siècle

In der Serie RÜCKBLICK, einer Reihe von Archivausstellungen, widmen wir uns wichtigen Projekten aus der langen Geschichte des Kunstverein in Hamburg. Anhand von Archivalien werden die Ausstellungen neu kontextualisiert und zur Diskussion gestellt. Es ist unser Anliegen, die Gegenwart auch zunehmend unter Heranziehung der Vergangenheit verständlicher werden zu lassen. Das Projekt folgt der Aufarbeitung der Geschichte, die im Zuge des 200. Jubiläums des Kunstvereins stattfand, und begleitet die Digitalisierung des zunehmend wachsenden Archivs. Wir arbeiten kontinuierlich daran, unser gesamtes, sehr umfangreiches Archiv auf unserer Webseite zu publizieren.

Im Jahr 2020 beginnen wir mit einem Projekt, welches die Zeit von Ende der 1980er Jahre bis zum Beginn der 1990er Jahre symbolisiert. Das kanadische Künstler-Kollektiv General Idea wurde 1969 von den drei Künstlern Jorge Zontal, Felix Partz und AA Bronson gegründet. Sie gelten als Pioniere der Konzept- und Medienkunst und wirkten bis Mitte der 1990er-Jahre. Ihr Werk umfasst Installationen, Performances, Fotografien, Objekte, Videos und Zeichnungen sowie Magazine, Postkarten, Poster, T-Shirts und Tapeten. In ihren Arbeiten nahmen sie auf satirische, selbstironische Weise Bezug auf Massenmedien, Werbung und Popkultur. Auch durch ihr starkes Interesse an der Punk-Bewegung, der entstehenden Queer Theory und dem AIDS-Aktivismus erlangte General Idea schnell internationale Aufmerksamkeit.

Ab 1987 beschäftigte sich das Trio verstärkt mit dem Thema AIDS. So wandelten sie beispielsweise das Schriftbild LOVE des Pop Art-Künstlers Robert Indiana zu AIDS um, welches dann als Motiv auf Aufklebern, Postern und Tapeten unzählige Male multipliziert wurde. Das Werk verbildlichte das Ende der unbeschwerten Freie-Liebe-Ära, das durch das vermehrte Auftreten von HIV-Infektionen ausgelöst wurde. Die Botschaft wurde von General Idea wie ein Virus selbst in die Welt gesetzt: ob in New York, San Francisco oder Berlin, überall war der Schriftzug zu lesen und erreichte somit eine breite Öffentlichkeit.

Noch im selben Jahr äußerte sich der ehemalige amerikanische Präsident Ronald Reagan erstmals zu der Bedrohung durch AIDS. Reagan hatte AIDS vorher als "Rache der Natur an Schwulen" bezeichnet. Durch die Homophobie, die in großen Teilen der Gesellschaft herrschte, und die falsche Annahme, dass ausschließlich homosexuelle Männer sich mit dem HIV-Virus infizieren konnten, wurde die Krankheit in den 1980er-Jahren nur unzureichend bekämpft.

Der damalige Titel der Ausstellung Fin de Siècle der Künstlergruppe General Idea, die der Kunstverein in Hamburg im November 1992 als Gast in der kleinen Deichtorhalle zeigte, bezog sich auf die zentrale Installation der Ausstellung: drei ausgestopfte Seehundbabys verloren sich in einem gigantischen Meer aus Eisschollen, die in ihrer Anordnung das berühmte Gemälde Das Eismeer (1823-1824) von Caspar David Friedrich zitieren. Das Gemälde war lange Zeit auch unter dem Titel Die gescheiterte Hoffnung bekannt. Die Installation Fin de Siècle thematisiert über den Titel, der eine Kunstrichtung des ausgehenden 19. Jahrhunderts thematisiert, die auch als Dekadentismus bekannt wurde, den gesellschaftlichen Zerfall, dem sich das Künstlertrio ähnlich wie die drei Robben im Eismeer ausgesetzt fühlte. Zu dem Zeitpunkt hatte die kanadische Regierung Belohnungsgelder auf das Erlegen von Seehunden ausgesetzt, wogegen sich zahlreiche Aktivist*innen einsetzten. Jorge Zontal setzte diesen Umstand in Verbindung mit der zunehmend schärfer werdenden AIDS-Krise und sagte, es wäre einfacher "Rettet die Robben" als Handlungsaufruf zu verkaufen als "Rettet die drei mittelalten homosexuellen Männer mit AIDS". Neben der Installation wurden der AIDS-Schriftzug auf einer Tapete, einer Brosche und als bronzene Skulptur im Außenraum präsentiert. Übergroße bunte Pillen flogen als Ballons durch den Raum und visualisierten die tägliche, monatliche und jährliche Ration von AZT. Das Medikament, welches in Deutschland unter dem Namen Retrovir verkauft wurde, war damals die einzig existierende lebensverlängernde Medikation für HIV-positive Menschen – gleichzeitig war es das teuerste verschreibungspflichtige Medikament mit massiven, teils verheerenden Nebenwirkungen. Auch heutzutage leben noch ca. 37,9 Millionen Menschen mit HIV. Noch lange haben nicht alle Zugang zu den lebensnotwendigen Medikamenten und noch immer erleben Betroffene Ausgrenzung und Stigmatisierung.

1994 markierte das Ende des Künstlerkollektivs, da Jorge Zontal und Felix Partz an AIDS erkrankt waren und verstarben. AA Bronson ist bis heute künstlerisch und politisch aktiv.

Fin de Siècle

Rückblick, General Idea, Fin de Siècle, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2020, Foto: Fred Dott

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