15.2.
–17.5.
2020
Matheus Rocha Pitta

Matheus Rocha Pitta, The Curfew Sirens, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2020, Foto: Fred Dott

Matheus Rocha Pitta

The Curfew Sirens

Ein zentraler Aspekt in Matheus Rocha Pittas Arbeiten ist die Untersuchung von Gesten. Als Ausdruck von Körper und Sprache haben diese weitreichende ethische und politische Bedeutungen. Seit vielen Jahren pflegt Rocha Pitta ein umfangreiches Archiv mit Zeitungsausschnitten, das nach dargestellter Gestik und Verlagsort geordnet ist. Die Abbildungen verwendet er in gegossenen Betonplatten verschiedener Größen und Formen, auf denen er das Zeitungsmaterial zu mehrschichtigen Kompositionen anordnet. Mit seinen „versteinerten“ Collagen erzählt Rocha Pitta Geschichten und Szenarien, die Autoritarismus, Fehlinformation und Ungerechtigkeit reflektieren.

Für seine Ausstellung The Curfew Sirens in Hamburg hat Rocha Pitta ein Ensemble von acht neuen Skulpturen namens Sirenen entwickelt. Schon der Ausstellungstitel ist ein Spiel mit mehreren Bedeutungsebenen, das sich durch die Arbeiten zieht. Wörtlich übersetzt ist die „curfew siren“ heute eine Alarmsirene, die den Beginn einer Ausgangssperre einläutet. Das englische „curfew“ entstammt dem Altfranzösischen und setzte sich aus den Begriffen für „Feuer“ und „bedecken“ zusammen. Ursprünglich war damit eine schützende Haube bezeichnet, mit der die heimische Feuerstelle abgedeckt wurde. Erst allmählich veränderte sich die Bedeutung des Wortes von einer behütenden zu einer autoritären Konnotation. Mit der sogenannten „curfew bell“ wurde im mittelalterlichen England zur Nachtruhe geläutet und daran erinnert, die Glut in den Häusern abzudecken, um Brände zu verhindern. Die titelgebende Sirene selbst ist neben einem Alarmton zugleich ein Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, das durch seinen betörenden Gesang vorbeifahrende Seefahrer anlockt und ins Verderben stürzt. Durch die Wortkombination The Curfew Siren erweitert, Rocha Pitta seine Sirenen bereits im Titel um Attribute, die zwischen staatlicher Kontrollmacht und schützender Geste wechseln.

Dies setzt sich auch in den Skulpturen fort. Die Köpfe der Sirenen zeigen Gesten von verschlossenen Mündern, Ohren und Augen, die eine Vielzahl von Bezugspunkten eröffnen. Der Künstler spielt beispielsweise auf die drei weisen Affen aus einem japanischen Sprichwort[1] an, die heute vor allem als Emoticons in Kurznachrichten bekannt sind. Die sich den Mund, die Ohren und die Augen verschließenden Affen werden in der westlichen Welt primär mit der Idee verbunden, etwas Schlechtes nicht wahrhaben zu wollen. In ihrer ursprünglichen Bedeutung hingegen stehen sie für Sittlichkeit und Menschlichkeit. Der Titel der Arbeiten und besonders die bedeckten Ohren verweisen auf Odysseus' Begegnung mit den Sirenen. Homers Sage nach trieb ihn die Neugier dazu, ihr betörendes, aber fatales Versprechen auf Allwissenheit zu hören. Dem Drang anzulegen und damit seine Besatzung und sich unweigerlich in die Katastrophe zu führen, konnte er nur widerstehen, indem er sich an den Schiffsmast binden ließ. Rocha Pittas Sirenen sind in Anlehnung daran um den zentralen Pfeiler im Ausstellungsraum platziert, wenden sich jedoch von diesem ab und den Besucher*innen zu. So bleibt unklar, wer sich in dieser Anordnung wem widersetzt.

Der Künstler stellt die dargestellten Gesten zugleich in Verbindung mit dem Drang zur beständigen Meinungsäußerung und Berieslung in den sozialen Medien und einer zunehmenden Überwachungsmentalität. Jede der Sirenen hält zwei Selfie-Sticks mit steinernen Mobiltelefonen, auf deren Displays im Widerspruch zu den gezeigten Gesten „Hear Something!“, „See Something!“ und „Say Something!“ zu lesen ist. So entsteht ein ambivalenter Kreislauf aus Aktion und Reaktion innerhalb der Arbeiten und mit dem Publikum, denn es bleibt letztlich offen, wer aufgefordert wird, zu hören, zu sehen und zu sprechen.

Matheus Rocha Pitta stellt die Fragen, wer das Recht zu sprechen hat und welche Autorität es einem nehmen kann. Insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Gewalt im öffentlichen Sprachgebrauch sucht die Ausstellung nach einem Moment des Innehaltens und des Ausgleichs. Seine Sirenen sind dabei zutiefst menschliche Stellvertreter, die zwischen Widerstand und Resignation gefangen scheinen.

Matheus Rocha Pitta (*1980 in Tiradentes, lebt und arbeitet in Berlin und Rio de Janeiro) studierte Geschichte und Philosophie an der Universidade Federal Fluminense, Niteról, und der Universität des Staates Rio de Janeiro in Rio de Janeiro. Seine Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert, u.a. bei Auroras und in der Casa do Sertanista, São Paulo (2019, 2018), im Museu de Arte Moderna sowie bei Athena Contemporânea in Rio de Janeiro (2018, 2017), im Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2017), wo er 2016-2017 auch Stipendiat der KfW Stiftung war, in der Brasilianische Botschaft in London (2016) und im Palais de Toyko, Paris (2013). Er ist u.a. in den Sammlungen des Castelo de Rivoli, Turin, und des Museu de Arte Moderna in Bahia, Rio de Janeiro und São Paulo vertreten.

 

1 „Sehe nichts Böses, höre nichts Böses, sprich nichts Böses.“ ist eine Übertragung einer konfuzianischen Sittlichkeitslehre: „Was nicht dem Gesetz der Schönheit [= angemessenes Verhalten] entspricht, darauf  schaue  nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf  höre nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, davon rede  nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, das tue nicht.“

Matheus Rocha Pitta

Matheus Rocha Pitta, The Curfew Sirens, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2020, Foto: Fred Dott

Förderung

Mit freundlicher Unterstützung des Berit und Rainer Baumgarten Stiftungsfonds unter dem Dach der Hamburgischen Kulturstiftung.

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