22.8.
–11.10.
2020
Corona Sound System

Corona Sound System, Kunstverein in Hamburg, Installationsansicht, 2020, Foto: Fred Dott

BEING LAID UP WAS NO EXCUSE FOR NOT MAKING ART

Corona Sound System

Teilnehmende Künstler*innen: Die Apotheke, Jenny Beyer, Lucrecia Dalt, Mathew Dryhurst, Carola Ernst, Tobias Euler, Pascal Fuhlbrügge, Graindelavoix/Björn Schmelzer, Lawrence Abu Hamdan, Holly Herndon, Annika Kahrs, Felix Kubin, Hanne Lippard, Melissa E Logan, Robin Minard, Thies Mynther, Charlotte Pfeifer, Robert Rehnig, Schwabinggrad Ballet, Nika Son, Mounira Al Solh, Jakob Spengemann, Veit Sprenger, Wolfgang Tillmans und C.W. Winter

Grußwort zu Corona Sound System

Artist Talk: Hanne Lippard

Artist Talk: Felix Kubin

Infraschall von Charlotte Pfeifer & Pascal Fuhlbrügge

Artist Talk:Lawrence Abu Hamdan

Tanzperfromance: Jenny Beyer

BEING LAID UP WAS NO EXCUSE FOR NOT MAKING ART
Eine experimentelle Ausstellungsserie in zwei Kapiteln
27.6. – 11.10.2020

In Kapitel 2 der experimentellen Ausstellungsserie BEING LAID UP WAS NO EXCUSE FOR NOT MAKING ART haben wir das Nachdenken über neue Möglichkeiten der Kunstpräsentation um einen weiteren Ansatz erweitert. In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel, dem Hauptsache Frei Festival und der Galerie Kai Erdmann haben wir ein Soundprojekt entwickelt, dass Musiker*innen mit Bildenden Künstler*innen, Filmemachern*innen und Tänzer*innen in Verbindung setzen. Durch eine Vielzahl kollektiver Anstrengungen konnte so eine spartenübergreifende Kooperation entstehen, die es in dem Maße so bisher nicht gab und dabei neue Perspektiven eröffnet. Der Kunstverein in Hamburg möchte mit der experimentellen Ausstellungsserie BEING LAID UP WAS NO EXCUSE FOR NOT MAKING ART zwei Ausstellungen entwickeln, die mit den Formaten experimentell spielen, sie dehnen und an die Grenzen treiben, um überraschende Einblicke zu bieten. Zudem geben wir Künstler*innen den Raum, die die letzten Monate nicht arbeiten konnten, die Projekte absagen mussten und die dennoch weitergearbeitet haben. Auch in den letzten Monaten gab es keine Entschuldigung, keine Kunst zu machen.

Corona Sound System

Corona Sound System, Kunstverein in Hamburg, Installationsansicht, 2020, Foto: Fred Dott

Kapitel 2
CORONA SOUND SYSTEM

22.8. – 11.10.2020
Kuratiert von Bettina Steinbrügge

Die experimentelle Ausstellung Corona Sound System lässt die Hörerfahrung in den Vordergrund treten und verändert dabei auch das visuelle Erleben. Was ist/kann der Ausstellungsraum im Kontext von Sound? Im leeren Raum mit weißen Wänden in einer funktionierenden Ausstellungsarchitektur gibt es verstreut im gebotenen Abstand Sitzgelegenheiten. Von 12-18 Uhr wird hier eine Gruppenausstellung aufgeführt. Ein Hörspiel tritt neben ein Konzert, minimalistische Töne werden von einem Barockstück abgelöst, dann wieder Ambient um in den kurzen Pausen zwischen den Stücken durchzuatmen, um sich dann wieder auf einen neuen Kosmos einzulassen – wie im richtigen Leben. Der Ton ist im Raum verstreut, läuft hinter- und nicht nebeneinander. Wir müssen uns zwischen den insgesamt fünf Klangräumen hin und her bewegen - zu ihnen hingehen, verweilen, um dann wieder an einem anderen Ort im Raum zu gehen, wo der Klangkosmos wieder andere, neue Bilder hervorruft. Sound Art ist visuell erfahrbar, weil es bei jede*m einzelnen Besucher*in andere Bilder im Kopf hervorruft.

Die Ausstellung Corona Sound System hat kein Thema – außer die Konzentration auf die Möglichkeiten wie auch auf die verschiedenen Spielarten von Sound.

Annika Kahrs und Wolfgang Tillmans arbeiten zu Hamburg. Mit ihrer Soundarbeit My Favorite Music beschäftigt sich Annika Kahrs mit der Musikbeschallung und der akustischen Aneignung öffentlicher Räume am Hamburger Hauptbahnhof. Im Jahr 2001 wurde begonnen Bereiche des Hauptbahnhofs mit klassischer Ambientmusik zu beschallen, um sich hilfsbedürftigen und prekären Menschen zu entledigen. Wessen private Playlist hören wir am Bahnhof? Wolfgang Tillmans mischt in Hamburg Süd / Nee IYaow eow eow ebenfalls die Umgebungsgeräusche des Hauptbahnhofs und der Umgebung des Kunstvereins mit dem spielerisch erweiterten Gesang der Stimmen von ihm und von Billie Ray Martin.

Nika Son, Robert Rehnig, Felix Kubin, C. W. Winter, Jakob Spengemann und Felix Kubin arbeiten intensiv und divers im Bereich Klang. C. W. Winter hat spät in der Nacht an der Ruskin School of Art in der High Street in Oxford, England Sound auf dem iPhone aufgenommen - als das Gebäude leer war und der natürliche Nachhall im neugotischen Zeichensaal der Schule genutzt werden konnte. Robert Rehnigs Ausgangsmaterial ist die hochauflösende Aufnahme eines einzigen Tons einer Bassklarinette. Auf vielfältige Weise in der Zeit werden unterschiedliche Texturen von Teiltönen hörbar und demonstrieren damit die Reichhaltigkeit eines eigentlich sehr kurzen Klangereignisses. Felix Kubin hat versucht, mit dem Max Brand Synthesizer, eine Mischung aus Kirchenorgel und Militärmaschine, einen letzten Funkspruch abzugeben. Nika Son fragmentiert Umgebungsgeräusche und in deren Rekonstruktion entstehen synthetische Kompositionen, die von minimal abstrakt bis rhythmisch fesselnd reichen. Jakob Spengemann bat acht Personen, mit ihrer eigenen Stimme sturmähnliche Geräusche zu imitieren.

Hanne Lippard arbeitet mit Sprache, genau wie Carola Ernst und Lucrecia Dalt. Bei Lucrecia Dalt geht es um das Auftauchen einer fiktiven Figur namens Lia. In ihrem in Erscheinung treten liegt die Prämisse, dass die Inspiration für ein Werk aus einer Form von Besessenheit heraus entstehen kann. Carola Ernst öffnet den Sektor C mit dem Beleidigungswort Neutralität. Hanne Lippards Life Is Full O' Surprises & Demises ist ein gesprochener Text, der einzelne Wörter und die Art und Weise der menschlichen Vokalisierung gegenüber der logischen Struktur der Sprache bevorzugt.

Es gibt aber auch Arbeiten, die sich konkret mit der Corona-Zeit beschäftigen. Schwabinggrad Ballett & Arrivati haben eine Audio-Installation extra für diese Ausstellung produziert, die Positionen, Stimmen, Mythen und Analysen aus dem globalen Süden und den sozialen Peripherien komponiert. Das Hamburger Kollektiv aus Kulturschaffenden, Aktivist*innen, People of Color und Geflüchteten erörtert mit Vertrauensleuten weltweit die Pandemie. Es geht um Fragen wie: Was ist eigentlich besorgniserregender als das Virus? Und warum? Wer macht sich das Virus zunutze? Wer sind die Experten für das Virus? Was macht sie zu Experten? Was wird das neue Normal sein?  Das ist der Ausgangspunkt, dem andere Töne folgen, die uns in verschiedene Richtungen schicken, um nachzudenken oder um aufgerüttelt zu werden. Melissa E. Logans Pandemic Cacophony setzt sich zusammen aus Aufnahmen, die Logan an unterschiedlichen Orten gemacht hat: während frühmorgendlicher Wanderungen durch den Tryon Creek State Park in Portland; während mittäglicher Geigen-Improvisationen bei einer Nachbarin ihrer Eltern; während eines Besuchs der Temporary Autonomous Zone in Seattle und der Teilnahme an Protesten der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Graindelavoix / Björn Schmelzer Fumeux Fumée par Fume ist ein Werk des gotischen Stils ars subtilior (subtilere Kunst) aus dem 14. Jahrhundert, einer höchst raffinierten und komplexen Form des weltlichen Gesangs. Der Text wiederholt Variationen des Wortes „fume“ (Rauch oder Dampf) in einem chromatisch-musikalischen Modus und artikuliert ein unsichtbares Kreisen und Ausbreiten von kontaminierenden Dämpfen. Das Werk Mimic von Holly Herndon und Mat Dryhurst entstand in Zusammenarbeit mit Spawn, einer von Herndon gemeinsam mit Mathew Dryhurst und Jules LaPlace entwickelten KI-Einheit. Herndon und Dryhurst brachten Spawn bei, Klänge zu empfangen, um sie dann aufzuführen und zu interpretieren. Tobias Euler, Thies Mynther und Veit Sprenger entwickelten ihr Projekt Moon Machine ausgehend von der Arbeit des ikonischen Straßenkünstlers Moondog. Moondog (1916–1999), aufgrund seiner von Wikingern inspirierten Kleidung auch bekannt als Wikinger der 6th Avenue, war sowohl in den USA als auch in Deutschland als Straßenmusikant, Mobil-Poet und Instrumentenbauer tätig. In Enta Omri singt Mounira Al Solh immer wieder Teile des gleichnamigen berühmten ägyptischen Liedes von Umm Kulthum (1898–1975) in verschiedenen Dialekten und Sprachen. Das Lied, das für die meisten Menschen in der arabischen Welt unabhängig von ihrem Dialekt leicht erkennbar ist, thematisiert Herzschmerz und den tiefgreifenden Verlust traditioneller Lebensweisen.

Zudem gibt es Stücke, die als Hörspiel angelegt sind.  Für die Produktion von Kayapó – Der weinende Häuptling Raoni reiste Robin Minard nach Brasilien, wo er die zeitgenössische mündliche Geschichte des indigenen Volkes der Kayapó aufzeichnete. Für das Werk Saydnaya (the missing 19db) arbeitete Lawrence Abu Hamdan mit Ohrenzeugenberichten von Überlebenden eines Gefängnisses in Saydnaya, das 25 km nördlich von Damaskus vom syrischen Regime betrieben wird. Gemeinsam mit Amnesty International und Forensic Architecture führte Abu Hamdan eine akustische Untersuchung des Gefängnisses durch.

Zeitübersicht

12:10:00 – 12:18:04 
Carola Ernst, Sektor C, 2020

12:20:00–12:52:49 
Wolfgang Tillmans, Hamburg Süd / Nee IYaow eow eow, 2017

12:55:00 – 13:15:03
Felix Kubin, Max Brand Studie IV, 2016

13:17:00–14:03:00
Schwabinggrad Ballett & Arrivati, We Are Not Together in This, 2020

14:04:00 – 14:14:54
C.W. Winter, A Cappella (with Interlude), 2020 

14:17:00 – 14:35:31
Annika Kahrs, My Favorite Music, 2020

14:38:00 – 14:41:23
Melissa E. Logan, Pandemic Cacophony, 2020

14:44:00 – 14:56:49
Lawrence Abu Hamdan, Saydnaya (the missing 19db), 2017

14:59:00 – 15:17:49
Nika Son, Surfacing underneath you sea asu lapis, 2020

15:20:00 – 15:24:04
Hanne Lippard, Life is Full O’ Surprises & Demises, 2020

15:27:00 – 15:35:38
Graindelavoix / Björn Schmerlzer, Fumeux Fume Par Fumée (Solage ca. 1400), 2020

15:38:00 – 15:53:00
Tobias Euler, Thies Mynther & Veit Sprenger, Moon Machie Landing (exerpt), 2019/2020

15:55:00 – 16:02:02
Holly Herndon & Mathew Dryhurst (with Spawn), Mimic, 2020

16:04:00 – 16:16:37
Lucrecia Dalt, No Era Sólida, 2020

16:19:00 – 16:23:38
Jakob Spengemann, Alisa, Camillo, Harry, Lennart, Marie, Noi, Rosa, Tammy, 2020

16:26:00–17:15:00
Robin Minard, Kayapó – Der weinende Häuptling Raoni, 2019

17:16:00 – 17:25:30
Robert Rehnig, Cairo Caleidoscope, 2010

17:28:00 – 18:00:00
Mounira Al Sohl, Omri, 2016

Corona Sound System

Corona Sound System, Kunstverein in Hamburg, Installationsansicht, 2020, Foto: Fred Dott

Förderung

Mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, der Rudolf Augstein Stiftung, der Mara & Holger Cassens Stiftung, der CORA-Kunststiftung unter dem Dach der Hamburgischen Kulturstiftung und der HASPA.

Herzlichen Dank auch an Robert Rehnig und Daniel Schulz vom Studiengang Elektroakustische Komposition und Klanggestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar, ohne die dieses gesamte Projekt nicht hätte realisiert werden. Sie haben es programmiert, die verschiedenen Klangräume entwickelt und eine Form für eine Sound-Gruppenausstellung gefunden, die so vorher noch nicht realisiert worden ist.

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Reihe

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