19.9.
–11.10.
2020
„Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“

Viron Erol Vert, „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2020, Foto: Fred Dott

#UNFINISHED-TRACES

Viron Erol Vert

„Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“

Künstlergespräch Viron Erol Vert

Der Kunstverein in Hamburg freut sich, in der Sommersaison in der Ausstellungsserie #UNFINISHEDTRACES die Preisträger*innen der Villa Romana einem größeren Publikum vorstellen zu dürfen. Der Villa Romana-Preis ist der älteste Kunstpreis in Deutschland und wird seit 1905 jedes Jahr an vier Künstler*innen verliehen. Zu den Preisträger*innen zählten u.a. Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Georg Baselitz, Anna Oppermann, Michael Buthe und viele weitere Künstler*innen, die die Kunstgeschichte bis heute geprägt haben. Die Künstler*innen Jeewi Lee, Christophe Ndabananiye, Lerato Shadi und Viron Erol Vert sind die Villa Romana-Preisträger*innen 2018.

Mit #UNFINISHEDTRACES haben die Künstler*innen die Ausstellungsserie selbst betitelt. Er bezieht sich auf Gemeinsamkeiten in ihren Arbeiten, die auf unterschiedliche Weise eine Spurensuche verfolgen; Erinnerungen, nicht erzählte Geschichte(n), die eigene Biografie und der Versuch Abwesendes erfahrbar zu machen, sind inhaltliche Ankerpunkte der einzelnen Projekte. Mit dem Hinweis auf das Unabgeschlossene im Titel eröffnet sich ein Spannungsfeld zwischen Zukünftigem und Vergangenem. Jede Spur markiert Gewesenes, das sich in den Verlauf der Zeit eingeschrieben hat und so auch Teil einer Zukunft wird. Wie die Gegenwart selbst sind Spuren flüchtig und veränderbar. #UNFINISHEDTRACES erzählt so von einem Moment des Übergangs, in dem noch nichts entschieden ist und alle Optionen offen sind. Jede Ausstellung an sich ist die Verwirklichung einer Möglichkeit – Vieldeutigkeit, Durchlässigkeit und Beweglichkeit spielen hierbei eine große Rolle, sowohl auf der Seite der Institution wie auch auf Seiten der Künstler*innen. Was entsteht ist ein Experiment, das über die spezifischen Projekte hinweg folgende Fragen aufscheinen lässt: Welche Formen des Handelns werden bei bestimmten Arbeiten, Formaten und Ausstellungssituationen von Künstler*innen, Kurator*innen und Rezipient*innen eingefordert und hervorgebracht? Welchen Austausch gibt es heute und welcher Austausch ist überhaupt möglich? Was sind aktuelle künstlerische Praxen und wie kann sich ein lebendiger Diskurs über unsere Zeit entspinnen?

 

Viron Erol Vert - „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“
19.9. – 11.10.2020

Der Titel der Einzelausstellung „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes“ von Viron Erol Vert formt sich um einen Satz, mit dem der Künstler seit seiner Kindheit in den unterschiedlichen kulturellen Kontexten und Sprachen, aus denen er stammt, konfrontiert worden ist und der ihn bis zum heutigen Tag begleitet. Die verschiedenen und teils widersprüchlichen Momente, die der Satz in sich birgt, bilden den semantischen Rahmen, in dem Vert sich künstlerisch mit den verschiedenen Aspekten und Sichtweisen des Eigenen und des Fremden auseinandersetzen möchte. Aufgewachsen ist Vert zwischen dem Norden Deutschlands, Istanbul und Athen in einem multikulturellen familiären Umfeld. Seit seinem Studium in Berlin lebend, arbeitete er parallel seit über 20 Jahren in verschiedenen subkulturellen Kontexten und der Clubszene Berlins. Der im Titel zitierte Satz steht somit in enger Verbindung zu Verts eigener Biografie, die vom Zustand des Dazwischen-Seins geprägt ist. In diesem Dazwischen laufen verschiedene Kulturen, Sprachen, Sichtweisen und auch Lebensauffassungen zusammen und verbinden sich so zu einer hybriden Identität. Ausgehend von einer durchgängigen Gleichberechtigung und rhizomatischen Vereinigung der unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Menschen, stellt sich aus der Perspektive des In-der-Mitte-Seins noch einmal mehr die fundamentale Frage: Wo fängt das Ausländische, das Fremde an und wo hört es auf?

„Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist das was anderes“ zeigt sich als audio-visuelle Assemblage, die die Besucher*innen der Ausstellung mit den drei künstlerischen Ausdrucksformen Malerei, Objekt und Sound zusammenbringt und zu einer Einheit verbindet. Zentrale Komponente der raumgreifenden Installation ist im übertragenen Sinne das Triptychon, das aus der religiösen Tradition der seit dem Mittelalter in der christlichen Kunst verbreiteten dreiteiligen Andachts- und Altarbildern heraus entstanden ist. In seiner Dreiteiligkeit verweist das Triptychon auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die erst zusammengenommen das Göttliche bilden. Vert verbindet diese Aspekte hier mit Freuds Modell, das ebenfalls erst in der Gesamtheit der drei Teile das Selbst konstituiert.

Die Betrachter*innen sind eingeladen, bei ihrem Aufenthalt auf sieben Architekturobjekten nachempfundenen Podesten oder Sitzgelegenheiten, die immer jeweils mit einer Malerei und einem Klang eine Einheit sind, zu verweilen. Eine in diesem Kontext wichtige und im siebener Rhythmus ausgestaltete Sicht auf das Selbst, die hier mit den sieben Sockelobjekten verbunden wird, findet sich im Sufismus, in dem der Begriff Nafs sowohl für die Person oder das Selbst steht, aber auch die Bedeutung von Seele hat. Der klassische Sufismus sieht in der Entwicklung des Egos die Auslöschung der menschlichen Qualitäten, die durch die göttlichen Qualitäten ersetzt werden. Der Sufismus kennt sieben verschiedene Stufen, die durch die unterschiedlich farbigen Malereien in der Ausstellung symbolisiert werden. In den sieben Malereien sammeln, überlagern und manifestieren sich verschiedene Gedanken- und Erinnerungsskizzen. Es handelt sich um eine nicht gedachte, unbewusste Malerei, die versucht, sich im Moment des geistigen und seelischen Dazwischens in Schichten auf der Leinwand zu manifestieren.

Im historischen Kontext der Hansestadt Hamburg stellt das Projekt die kritische Frage über den Umgang mit dem Eigenen und dem Fremden und spannt den Bogen von der von einer frühen Globalisierung geprägten Hanse, über die Zurschaustellung „exotischer“ Objekte im Museum und sogar Menschen wie sie u.a. in den Völkerschauen des Hagenbecker Zoos praktiziert wurden bis hin zur aktuell weltweit sogar offen auf höchster politischer Ebene artikulierten und wachsenden Xenophobie.

„Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“

Viron Erol Vert, „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2020, Foto: Fred Dott

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