19.6.
–15.8.
2021

Albert Serra

The Three Little Pigs

#DIALOGUES: Chus Martínez & Albert Serra

Künstlergespräch mit Albert Serra, Bettina Steinbrügge & Benjamin Fellmann

Opening@Home

Kuratorinnenführung mit Bettina Steinbrügge

Der Kunstverein in Hamburg zeigt die monumentale Filmarbeit The Three Little Pigs (2012) des katalanischen Filmemachers Albert Serra, der international zu den einflussreichsten und radikalsten Vertretern der filmischen Avantgarde der Gegenwart zählt. Dieser "längste Film der Welt" (Der Standard) ist ein Porträt über Deutschland und eine ins Bild gesetzte Reflexion darüber, wie Geschichte und die Vorstellungen, die wir uns von ihr machen, entstehen. Dafür folgt er Erzählungen von drei zentralen Figuren der deutschen Kulturgeschichte: Goethe, Hitler und Fassbinder.

Die Arbeit hat heute in einer politischen Landschaft, die sich gegenüber jener zu ihrer Entstehungszeit vor wenigen Jahren rasant und dramatisch gewandelt hat – dazwischen liegen die Gründung der AfD (2013), die sogenannte "Migrationskrise" (2015), das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps (2016), der Einzug der AfD in den Bundestag (2017), um nur einige Eckpunkte zu nennen – weitere Aktualität gewonnen, die sie ihrem künstlerischen Reflexionspotenzial verdankt. The Three Little Pigs ist so komplex und herausforderungsreich wie die Frage, was Geschichtsverständnis heute – und im Besonderen in Deutschland – ausmacht. Form und Inhalt gehen eine einzigartige Verbindung ein, die deutlich macht, dass die Arbeit an einem aufgeklärten Geschichtsbild und der Versuch, die schwierige Verortung einer sogenannten "Kulturnation" in der Gegenwart vorzunehmen, vor allem immer eines bedeutet: Eine beständige Aufgabe, ein stets neu anzusetzendes Nachdenken, ein unermüdliches Sich-Auseinandersetzen mit der Vergangenheit in der Gegenwart.

Wie der Dreischritt des Titels – eine Anspielung auf die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen – schon andeutet, spielt sich diese komplexe Operation bei Serra auf drei Ebenen ab: Zunächst auf der künstlerischen Ebene seines monumentalen Filmexperiments. Zweitens auf der inhaltlichen Ebene der (Selbst-)Erzählungen der drei Protagonisten Goethe, Hitler und Fassbinder und ihrer Rezeption als symbolische Kernfiguren der zentralen Phasen im modernen Selbstbild der Deutschen: Der Weimarer Klassik und anthropozentrischen Aufklärung mit Goethe, dem Naturforscher und Dichter von Weltrang; der Allmachtsfantasien, Führerkulte und Menschheitsverbrechen Deutschlands und der Deutschen während des "Dritten Reiches", des Holocaust und Zweiten Weltkrieges; sowie der nicht immer ohne Selbstwidersprüche und Kontroversen verlaufenden kritischen Aufarbeitung in der Bundesrepublik Deutschland und der Positionierung gegen Faschismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit, die immer wieder aufs  Neue bezogen werden muss. Für Letztere steht das Schaffen Rainer Werner Fassbinders, der den verpassten Chancen der deutschen Gesellschaft nach 1945 nachspüren wollte, aber auch durch die sogenannte "Fassbinder-Kontroverse" um sein Stück Der Müll, die Stadt und der Tod (1976) – die Frage, ob die dort gezeichnete Figur des "reichen Juden", eines Immobilienspekulanten, antisemitische Züge trägt – symptomatisch steht für den schwierigen künstlerischen Umgang mit der Vergangenheit in der Gegenwart. Auf einer dritten Ebene konfrontiert Serras Arbeit uns mit der Frage, was unser Geschichtsverständnis heute ausmacht und welchen Erkenntnisgewinn wir aus der künstlerischen Verhandlung von Geschichte in der Form eines historischen Reenactment ziehen können.

The Three Little Pigs entstand als Beitrag Albert Serras zur documenta 13, 2012. Während der gesamten Laufzeit der hundert Tage der documenta drehte Serra täglich und öffentlich mit Schauspieler*innen an Orten in und um Kassel. Während der Ausstellung wurden stückweise drei Tage zuvor gedrehte und postproduzierte zweistündige Sequenzen gezeigt. Aber erst der gesamte, in einem Stück am Ende der documenta gezeigte Film galt als das eigentliche Werk. The Three Little Pigs hat eine Laufzeit von 101 Stunden. Im Kunstverein in Hamburg zeigen wir ihn in einer großen, mehrkanaligen Installation. Sie wird erlauben, die drei Erzählebenen der Arbeit simultan zu rezipieren. Serra nähert sich der Geschichte des modernen und zeitgenössischen Deutschlands anhand der biografischen Ereignisse der drei Protagonisten Goethe, Hitler und Fassbinder, indem er Reden, Aussagen, Interviews und Gesprächsfragmente sammelt und die Beteiligten ihre eigenen Worte buchstäblich aufführen lässt: Der Film ist ein immenses Sprechstück, das literarische Dokumente von Selbstzeugnissen dieser drei Personen wortgetreu umsetzt.es, statements, interviews and fragments of conversation and letting those involved literally perform their own words: The film is an immense speaking piece, who literally translates literary documents from personal testimonies of these three people.

Vollständig und mit Schauspieler*innenn in historischem Setting werden zwei Texte adaptiert: Johann Peter Eckermanns Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens (publiziert in drei Teilen 1836–1848) sowie die Auswahl von Hitlers Tischgesprächen, deren englische Übersetzung der britische Historiker Hugh Trevor-Roper 1953 herausgegeben und kommentiert hatte (erschienen zuerst 1951 als erste Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte München). Die Strukturen, Dialoge, Chronologien und tagebuchartigen Charaktere der beiden Texte bleiben dabei vollständig erhalten und werden genauestens in Szene gesetzt, wobei in Goethes Fall die Beschreibungen der Situationen als Grundlage der Umsetzung dienen und Text, der in der dritten Person steht, in die erste umgesetzt wird. Im Falle der Tischgespräche Hitlers bleiben die Dialoge unverändert, zur Situierung der Gespräche werden ergänzend historische Studien herangezogen. Als drittes Textdokument zieht Serra Interviews und Statements aus dem von Robert Fischer herausgegebenen Band Fassbinder über Fassbinder: Die ungekürzten Interviews (2004) heran. Die Figur und Äußerungen Fassbinders dienen ihm als Gegengewicht zur Stringenz der beiden anderen Teile, er selbst eignet sich Fassbinders Figur und Ansichten über Deutschland, Kunst und Film an, um sie ergänzt mit persönlichen und intimen Aspekten, frei den anderen beiden gegenüberzustellen. Diese Texte werden weder dramatisiert, noch gibt es Improvisationen oder Abweichungen: Seite für Seite spielen die Schauspieler*innen Johann Wolfgang von Goethe, Adolf Hitler und Rainer Werner Fassbinder, indem sie diese Veröffentlichungen komplett und wortgetreu zitieren.

Serras Film lässt sich verstehen als eine Übung in Aufmerksamkeit darin, sich nicht überwältigen zu lassen. Wo es sich um einen fortlaufenden Strom aus Rede handelt, wird eindringlich klar, dass Worte nie bloß als solche abgetan werden sollten. Was sagt das gegenwärtige Bild von der deutschen Vergangenheit über den zeitgenössischen Zustand der Gesellschaft aus? Und wie können wir uns unseren Geschichtsbildern kritisch nähern?

The Three Little Pigs

CV

Der Katalane Albert Serra (*1975) gehört zu den eigenwilligsten Köpfen im zeitgenössischen Filmschaffen. Seit seinem aufsehenerregenden Debüt HONOR DE CAVALLERIA (2006) fanden all seine Filme große Beachtung bei Festivals, zuletzt wurde HISTÒRIA DE LA MEVA MORT (2013) mit dem Hauptpreis in Locarno ausgezeichnet. Das Kino von Albert Serra ist der Reduktion verpflichtet. Er arbeitet mit einem kleinen, bewährten Team, geringem Budget und immer mit Laiendarsteller*innen, die fast alle aus dem Ort kommen, in dem er aufgewachsen ist. Serra, der Literatur und Kunstgeschichte studiert hat, beschäftigt sich in seinen Filmen mit bekannten literarischen bzw. historischen Figuren – Don Quijote, die Heiligen Drei Könige, Casanova und Dracula –, ohne dass es sich dabei um klassische Adaptionen handeln würde. Er entschlackt die Stoffe vom mythischen Ballast, um ihre Bedeutung im Hier und Jetzt auszuloten.

Kuratiert von Bettina Steinbrügge

Text von Bettina Steinbrügge und Benjamin Fellmann

The Three Little Pigs

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