Matheus Rocha Pitta

Curfew (Hamburg February 6th 2020)

1500* Euro

Ein zentraler Aspekt in Matheus Rocha Pittas (*1980 in Tiradentes, Brasilien, lebt und arbeitet in Berlin und Rio de Janeiro) Arbeiten ist die Untersuchung von Gesten. Als Ausdruck von Körper und Sprache haben diese weitreichende ethische und politische Bedeutungen. Seit vielen Jahren pflegt Rocha Pitta ein umfangreiches Archiv mit Zeitungsausschnitten, das nach dargestellter Gestik und Verlagsort geordnet ist. Die Abbildungen verwendet er in gegossenen Betonplatten verschiedener Größen und Formen, auf denen er das Zeitungsmaterial zu mehrschichtigen Kompositionen anordnet. Mit seinen „versteinerten“ Collagen erzählt Rocha Pitta Geschichten und Szenarien, die Autoritarismus, Fehlinformation und Ungerechtigkeit reflektieren.

Die Grundlage seiner exklusiven Jahresgabe bilden Ausschnitte aus einer Zeitung, die Rocha Pitta am Tag seiner Ankunft in Hamburg zur Installation seiner Ausstellung kaufte und deren Titel dieses besondere Datum im Februar widerspiegeln. Die Ausschnitte belegen einen ikonischen Zeitungsmoment der Thürigen-Krise, welche am 5.2.2020 durch die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP), der zum Ministerpräsidenten mit Stimmen von AfD, CDU und FDP gewählt wurde, ausgelöst wurde. Die Wahl erlangte sowohl hohe nationale als auch internationale Aufmerksamkeit, weil erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein Ministerpräsident mit Stimmen der rechtspopulistischen und in Teilen rechtsextremen AfD gewählt wurde. Bereits nach 24 Stunden trat Kemmerich zurück und Bodo Ramelow der Partei Die Linke übernahm das Amt.

Rocha Pitta setzt das Bild Ramelows, der sich mit seiner Hand die Augen verschließt, mit dem Schriftzug „See Something“ in Verbindung. Gesten von verschlossenen Mündern, Ohren und Augen eröffnen eine Vielzahl von Bezugspunkten. Der Künstler spielt beispielsweise auf die drei weisen Affen aus einem japanischen Sprichwort an, die heute vor allem als Emoticons in Kurznachrichten bekannt sind. Die sich den Mund, die Ohren und die Augen verschließenden Affen werden in der westlichen Welt primär mit der Idee verbunden, etwas Schlechtes nicht wahrhaben zu wollen. In ihrer ursprünglichen Bedeutung hingegen stehen sie für Sittlichkeit und Menschlichkeit. Der Spruch „See Something“ steht wiederum im direkten Widerspruch zu den gezeigten Gesten. So entsteht ein ambivalenter Kreislauf aus Aktion und Reaktion innerhalb der Arbeit und mit dem Publikum, denn es bleibt letztlich offen, wer aufgefordert wird, zu sehen.

  • Ausstellungen:
  • 2020
  • The Curfew Sirens, Kunstverein in Hamburg (E)
  • 2019
  • Cadeira Cativa, Auroras, São Paulo (E)
  • 2018
  • Reintegração de Posse, Casa do Sertanista, São Paulo (E)
    Memória Menor, Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro (E)
  • 2017
  • O Ano da Mentira e O Reino do Céu, Athena Contemporânea, Rio de Janeiro (E)
    To the winners the potatoes, Kunstlerhaus Bethanien, Berlin (E)

  • 2014
  • The Great Acceleration – Taipei Biennale, Taiwan, 2014 (G)
  • 2013
  • Collective Fictions, Palais de Tokyo, Paris, 2013 (G)
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